Der Konferenzbericht

Kontingenz, Emergenz, Komplexität, Signifikanz, Homöostase, Abduktion, Selektion, Reduktion, Semiose und Harmonie sind nur einige Fachbegriffe, denen auf der Konferenz „Mediation im Alltag“ der integrierten Mediation am 3. und 4. Oktober in Frankfurt/Main eine zentrale Bedeutung zugeschrieben wurde. Schließlich ging es um das Verstehen, den zentralen Ansatzpunkt im Mediationsverständnis der integrierten Mediation, die die Mediation als ein Verfahren der Verstehensvermittlung begreift.

Hintergründe und Eindrücke

Es war eine mutige Entscheidung des Vorstands, die Konferenz trotz Corona durchzuführen. Im Ergebnis und im Nachhinein hat sie sich, trotz aller Widrigkeiten, als die richtige Entscheidung erwiesen.

Sicher waren die Teilnehmer irritiert, als sie den Konferenzraum betraten. Die Tische waren so angeordnet, dass sie auf den ersten Blick eher eine Examenssituation als eine kommunikative Veranstaltung erwarten ließen. Ganz ungewohnt und für den Verband integrierte Mediation, der seine Konferenzen üblicherweise in kontaktnahen Formaten wie Open Space, Bar Camp oder World Café durchführt, musste diese Veranstaltung ganz konventionell stattfinden. Die Referenten wurden auf einer Bühne platziert, wo sie den Teilnehmern frontal gegenübersaßen. Dafür konnten aber alle Abstände und Hygieneregeln peinlich genau eingehalten werden. Die Veranstaltung entsprach zu 100% der hessischen Corona-Kontakt- und Betriebsbeschränkungsverordnung.

Manch ein Mediator mag bereits in dem für einen Austausch ganz und gar nicht optimal geeigneten Rahmen ein kleines Methodentraining gesehen haben, denn in der Praxis muss er gegebenenfalls auch mit einem unerwartet ungünstigen Setting zurechtkommen.

Ganz so konventionell war die Veranstaltung dann trotzdem nicht. Die Lust der integrierten Mediation, Veränderung zu erlauben und stets etwas Neues auszuprobieren, führte zu der Idee, die Präsenzveranstaltung mit den Vorteilen eines Online-Meetings anzureichern. So wurde die Veranstaltung zu einem Experiment. Eine Bereicherung bestand beispielsweise darin, den Chat bei Online-Meetings auch in einer Präsenzveranstaltung abzubilden. Er bietet bei Online-Veranstaltungen eine zusätzliche Kommunikationsebene an, die oft genutzt wird. Eine andere Bereicherung war die bereits im Vorfeld angebotene Möglichkeit, schriftliche Fragen an die Referenten vorzulegen, die wie Zuschauerbeiträge in einer Talkshow eingebunden werden sollten. Natürlich gab es auch Online-Beiträge. Auch wenn sich die Schwerpunkte durch die Rahmenbedingungen etwas verschoben haben, kann resümiert werden, dass sich die Ziele der Konferenz trotz aller Schutzmaßnahmen vollumfänglich verwirklichen konnten. Die Corona-Beschränkungen stellten deshalb kein wirkliches Hindernis dar.

Eine andere coronabedingte Herausforderung war die Limitierung der Teilnehmer auf 70 Personen. Etliche Anmeldungen mussten auf eine Warteliste gesetzt werden. Ohne die Limitierung hätten wir mehr als 100 Teilnehmer gezählt. Das ist bemerkenswert, weil die Einladung recht kurzfristig erfolgte und die Veranstaltung nicht weiter beworben wurde. Der Verband zählt am Konferenztag genau 500 Mitglieder allein in Deutschland. Die Beteiligungsquote betrug somit 20%. Mit dem Ziel, die abgewiesenen Mitglieder dennoch einzubeziehen, wurde die Konferenz per Video aufgezeichnet.

Eine weitere Herausforderung war die Logistik der Veranstaltung. Es gab einige kurzfristige Absagen von Teilnehmern und Referenten. Sie erfolgten bei Krankheitssymptomen mit Rücksicht auf die anderen Teilnehmer und um Ansteckungsrisiken zu vermeiden. Bemerkenswert war, dass jede Absage noch im letzten Moment durch die Zusage eines Teilnehmers von der Warteliste ausgeglichen werden konnte. Es dürfte den präsenten Teilnehmern verborgen geblieben sein, welcher Aufwand im Hintergrund der Konferenz bewältigt wurde, um einen reibungslosen Ablauf zu garantieren.

Unerwartete Umstände führten schließlich auch dazu, dass die Reihenfolge einiger Vorträge nicht wie vorgesehen eingehalten werden konnte. Das Konzept hat darunter aber nicht merklich gelitten. Sie finden die Agenda unter dem folgen den Link. Dort werden auch die Referentinnen und Referenten vorgestellt:

Thematisch deckte die Konferenz drei Themenschwerpunkte ab:

  1. Der wissenschaftliche Teil bildete den Ausgangspunkt. Auslöser und Bezugspunkt war die kognitive Mediationstheorie, mit der sich der Verstehensprozess in der Mediation erklären lässt. In diesem Teil der Konferenz ging es darum, den Verstehensprozess wissenschaftlich zu hinterfragen.
  2. In dem zweiten Themenschwerpunkt der Konferenz ging es zum einen um die Notwendigkeit, den mediativen Verstehensprozess auch im Alltag zu ermöglichen und um Erfahrungen, wo sich Anhaltspunkte für eine Mediation ergeben und wie die Mediation daran anknüpfen kann.
  3. Im letzten Themenschwerpunkt der Konferenz sollte auf die Vorstellungen und Konzepte eingegangen werden, wie die integrierte Mediation mit diesen Herausforderungen umzugehen vermag.

Schon die Schwerpunktsetzung bietet Schnittstellen und thematische Überschneidungen der jeweiligen Beiträge an. Das wurde auch den Teilnehmern deutlich. Einige der Teilnehmer stellten heraus, dass sich der Zugang zum Verstehen und der Mediation aus ganz unterschiedlichen Perspektiven und Erkenntnistiefen abbilden lässt und doch immer auf denselben Kern zurückkommt, in dem sich die Mediation als ein vernunftgesteuertes Verfahren der Verstehensvermittlung wiederfindet.

Der wissenschaftliche Themenschwerpunkt

Im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Untersuchung stand die von Arthur Trossen eingeführte kognitive Mediationstheorie. Sie definiert die Mediation als ein Verfahren im weitesten Sinn, das die Gedanken der Parteien durch ein aufeinander abgestimmtes Methodenkonglomerat auf der Basis des wechselseitigen Verstehens zu Erkenntnisgewinnen führt. Die aufeinander abgestimmten Erkenntnisgewinne sind die Bedingung dafür, dass die Parteien in die Lage versetzt werden, selbst eine gemeinsame, nachhaltige und am Nutzen orientierte Lösung zu finden. Die Theorie überführt die als funktionale Einheiten beschriebenen Elemente der Mediation in eine Mediationslogik, die es unter vorgegebenen Rahmenbedingungen erlaubt, den Operator des Lösungsfindungsprozesses zu identifizieren, um den hinter der Mediation verborgenen gedanklichen Prozess zu steuern.

Die kognitive Mediationstheorie wird in einem demnächst erscheinenden Buch „Mediation visionär“ vorgestellt werden. Die sich aus den Beiträgen von Prof. Dr. Schmale, Caroline von Frankenberg und Prof. Dr. Heike Egner ergebenden Präzisierungen werden vor der endgültigen Veröffentlichung noch eingearbeitet. Sowohl Prof. Dr. Schmale wie Prof. Dr. Egner hatten den Buchentwurf als Vorlage in ihren Beiträgen verwertet. Schon mit der sich daraus ergebenden Auseinandersetzung hat sich ein Gewinn der Konferenz verwirklicht.

Mit der Frage, inwieweit das Verstehen in der Mediation eine Rolle spielt, inwieweit eine Verstehensvermittlung möglich ist und was diese Vorgaben für den Mediator bedeuten, befasste sich der außerordentlich intensive Vortrag von Professor Dr. Hugo Schmale und Caroline von Frankenberg. „Es war ein auf zwei Stunden komprimiertes Psychologiestudium“, meinten einige der Teilnehmer. Die Referenten entwickelten Gedanken zur Anwendung einer struktural-psychoanalytisch orientierten Mediation. Neben theoretischen Herleitungen gab es anschauliche Beispiele aus der Praxis. Schmale stellte die Struktur der Psyche als einen borromäischen Knoten dar, wo drei ineinander verschlungene „Ringe“, das Imaginäre, die symbolische Ordnung und das Reale zusammenkommen. Der Versuch, eine (imaginierte) Empfindung in (symbolisierende) Worte zu fassen und uns dadurch als real bewusst zu machen, könnte niemals die ersehnte Zufriedenheit erreichen. Sie ist allerdings eine Quelle der psychischen Energie. Sie kommt aus der Störung einer Homöostase, also einer Störung des Gleichgewichts und dem ewigen Versuch, das Gleichwicht wiederherzustellen. Methodische Ansatzpunkte für den mediativen Verstehensprozess ergaben sich aus den Ausführungen über die Semiose zwischen Signifikat, Signifikant und Interpretant, die Bedeutung des abduktiven Schließens und die Notwendigkeit, die Realität und die Möglichkeit als gleichwertige Denkmodi nebeneinanderzustellen.

Das ebenfalls in der kognitiven Mediationstheorie angesprochene Phänomen der Komplexität und der Frage, ob und wie die Mediation damit umgehen kann, war das Thema von Prof. Dr. Heike Egner. „Komplexität lässt sich nicht reduzieren“, war eine ihrer Kernaussagen. Trotzdem ist schon jede Auseinandersetzung mit der Komplexität eine Reduktion, schon weil sie die Sprache benutzt. Komplexität ist von Kompliziertheit zu unterscheiden. Mediation ist komplex. Was die kognitive Mediationstheorie beschreibt, erscheint kompliziert. Das Ziel der Mediation ist hingegen die Emergenz, womit die Herausbildung neuer Eigenschaften oder Strukturen (Muster) eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente bezeichnet wird. Es ist der magische Moment, in dem der Konflikt zur Lösung kippt.

Der Alltagsthemenschwerpunkt

Bei den Sichten auf den Alltag hat die Konferenz den Bogen von öffentlich-rechtlichen Planfeststellungsverfahren über Familienstreitigkeiten bis hin zu Streitigkeiten in der Arbeitswelt gezogen.

Prof. Dr. Andrea Versteyl berichtete über verpasste Chancen bei Infrastruktur-und Industrieprojekten. Sie erläuterte, warum die Öffentlichkeitsbeteiligung im Verwaltungsverfahren in der praktizierten Form nicht erfolgreich sein könne. Ihre Kernaussage übernahm die Schlagzeile eines Zeitungsberichts über die Anhörung zur Errichtung der Tesla-Fabrik in Grünheide, wonach ein ungeheurer Redebedarf den Zeitplan für die Errichtung der Fabrik torpediert. Sie belegt, dass die bisher praktizierte Öffentlichkeitsbeteiligung in Genehmigungsverfahren ihre Funktion nicht erfüllen könne, weil ausschließlich Positionen und Argumente ausgetauscht würden.  Die Umweltmediation sei als ein alternatives Instrument der Konfliktbeilegung außerhalb des Verwaltungsgerichtsverfahrens gesehen worden, was in den meisten Fällen nicht zum Ergebnis geführt habe. Aus ihren Gedanken lässt sich die integrierte Mediation als Lösung erahnen, wo der Nutzen auch im Gerichtsverfahren oder die juristischen Argumente auch in der Mediation zusammengeführt werden.

Jürgen Rudolph, der Begründer der Cochemer Praxis, berichtete aus seinen Erfahrungen als ehem. Familienrichter und Anwalt über den Umgang mit Konflikten im Familienbereich. Er betont, dass in den Kindschaftssachen die Elterninteressen den Kindesinteressen unterzuordnen seien. Er stellt die Notwendigkeit heraus, so früh wie möglich in dem Kindschaftskonflikt intervenieren zu können und dass es sich bei den Verfahren wegen der eingeschränkten Wirkung rechtlicher Entscheidungen stets um eine Entscheidung der Eltern und des Kindes handeln sollte, was gerichtlicher- oder staatlicherseits auch zu fördern sei. Um die Ganzheitlichkeit der Problematik zu erkennen und die jeweiligen Ausbildungsdefizite der an den Entscheidungen eingebundenen Professionen zu kompensieren sei eine interdisziplinäre Herangehensweise eine zu erzwingende Voraussetzung für die Bearbeitung derartiger Konflikte. Die Mediation trägt dazu bei, das zur Kooperation führende und aus der Kooperation folgende Verstehen zwischen den Eltern zu vermitteln.

Guido R. Lieder hat wegen der fortgeschrittenen Zeit seinen Vortrag den Bedürfnissen der Konferenz angepasst. Er griff die Ausführungen des Vorredners auf und berichtete über seine Erfahrungen als Verfahrensbeistand. Zum einen sieht er neben den Fällen in denen ein Gerichtsbeschluss erforderlich ist (Inobhutahmen, …) zugleich ca. 70% der Familiengerichtsfälle als von den Familienberatungsstellen lösbar an (Sorgerechtsfragen, Betreuung, …). Er berichtete über eine im jetzigen familiengerichtlichen System systemisch angelegte, bedauerliche Eskalationsautomatik. Eskalationen könnten eigentlich oft schon mit Hilfe von guten Familienberatungsstellen auf niedriger Eskalationsstufe gelöst werden. Mit dem Gang zum Jugendamt erfolgt jedoch eine Eskalation, die häufig dazu führt, dass sogar der oft unnötige Gang zum Familiengericht fast zwangsläufig erfolgt. Vom Familiengericht wird dann der Verfahrensbeistand beauftragt, mit seinen je nach Fall bzw. Sachlage hoffentlich vorhandenen Fähigkeiten die Instrumente der Mediation „integriert“ anzuwenden (FamFG § 158 Abs. 4 „… am Zustandekommen einer einvernehmlichen Regelung über den Verfahrensgegenstand mitzuwirken …“). Die Fähigkeit bisheriger Verfahrensbeistände ist im Bereich der Mediation oftmals jedoch bei weitem noch nicht hinreichend. Insofern sollten von den Familiengerichten neben Sozialpädagogen, Psychologen, Rechtsanwälten vermehrt „professionelle Mediatoren“ als Verfahrensbeistände eingesetzt werden. Professionelle und sehr gut ausgebildete Mediatoren können als Verfahrensbeistände effektiv auf den Konsens von Familien hinwirken und die Familiengerichte im erheblichen Umfang entlasten sowie die Reduzierung von gerichtlichen Folgeverfahren erreichen. Ähnlich sieht es mit den Vorteilen der professionellen Mediatoren in der Ombudschaft bzw. als sogenannte Ombudsleute aus. Professionelle Mediatoren sollten das auf der kognitiven Mediationstheorie basierende Konzept der integrierten Mediation kennen, weil sie als Verfahrensbeistand selbst nicht mit einer gesetzlichen Mediation beauftragt werden können. Dann bringen sie in beiden Bereichen mit Ihrer Konfliktkompetenz, sowohl für die Gerichte und die Behörden, sowie für die betroffenen Familien und Kinder erhebliche Vorteile.

Peter Wallisch, Mediator und Rechtsanwalt mit dem Schwerpunkt Arbeitsrecht, berichtet aus seiner Erfahrung wie er die anwaltliche Beratung optimiert. Er arbeitet erfolgreich mit den Instrumenten, die ihm die integrierte Mediation zur Verfügung stellt. Er beschrieb das Zusammenspiel wie die Fenster bei Windows. Bei dieser Metapher könnte die integrierte Mediation als eine Art des Denkens mit dem Betriebssystem verglichen werden.

Der konzeptuelle Themenschwerpunkt

Konzepte der integrierten Mediation, die auf den Prozess der Implementierung eingehen, wurden bereits im Manifest der letzten Konferenz vorgestellt und festgelegt. Anders als dort ging es bei der diesjährigen Veranstaltung um individuelle Konzepte, also um die Frage, wie die Mediatoren einen optimalen Beitrag zur Förderung der Mediation leisten können. Mit dieser Frage einher geht die Frage, wie der Verband die Mitglieder dabei unterstützen kann.

Ausgangspunkt ist die vornehmlich auf das Produkt, also das Angebot der Dienstleistung einer gesetzlichen Mediation konzentrierten Vermarktung. Aus Zeitgründen wurde der Vortrag von Arthur Trossen lediglich in seiner Kernaussage zusammengefasst. Danach ist zunächst ein dem Bedarf angepasstes Angebot der Mediation zu formulieren. Hier gibt es noch nicht ausgeschöpfte Möglichkeiten, die Mediation bedarfsorientiert und kundengerecht zu präsentieren. Das Alleinstellungsmerkmal geht oft in einem Friedensappell unter, der den in einem eskalierten Konflikt befindlichen Kunden kaum erreicht. Eine Möglichkeit, die Mediation umfassend zu vermarkten, stellt sich nach der Auffassung des Referenten erst her, wenn nicht das Produkt, sondern die Kompetenz der Mediation nach vorne gestellt wird. Die Mediation befreit sich aus der Beliebigkeit und stellt eine Fähigkeit heraus, die den konkreten Bedarf des Kunden bei einer Konfliktlösung erkennbar zu decken vermag. Die Dienstleistung kann direkt auf die Durchführung einer gesetzlichen Mediation (also dem Verfahren i.S.d. Mediationsgesetzes) gerichtet oder indirekt als Kompetenzmerkmal einer anderen Konfliktdienstleistung angeboten und ebenso honoriert werden.

Die von der integrierten Mediation ausdrücklich unterstütze Erweiterung des Mediationsradius ist ein Ausfluss der mit der kognitiven Mediationstheorie nunmehr auch wissenschaftlich belegten Kompetenz, die im Markt noch nicht deutlich genug herausgestellt ist. Die integrierte Mediation versucht diesen Gedanken nach vorne zu bringen und in ihrem Konzept zur Förderung der Mediation umzusetzen. Dabei spielen der oder die Webauftritte der Mediatoren eine entscheidende Rolle, die in einem, noch zu erarbeitenden Konzept aufeinander abgestimmt werden sollen.

Martin Sauer, der letzte Referent der Veranstaltung, lieferte seinen Beitrag online im Rahmen einer Videoschaltung ab. Es war eine willkommene Gelegenheit, die im Verein für alle Mitglieder jederzeit verfügbare Konferenzsoftware BigBlueButton vorzustellen. Martin Sauer hat den Auftrag, die Webseitengestaltung des Vereins, die Markenpenetration und die Vermarktungsmöglichkeiten für die Mediation auszuloten und in ein Konzept zu überführen. Er stellte heraus, dass die Webseite www.in-mediation.eu nicht schlecht aufgestellt sei, dass es aber durchaus Optimierungsbedarf gäbe. Dieser habe sich an den Schritten der Konsumierung, Bedürfnis, Bedarf, Nachfrage und Kaufakt zu orientieren.

Diskussion und Austausch

Die Konferenz hat ein dicht gedrängtes, sehr intensives Programm vorgehalten. Trotzdem konnte – auch auf Wunsch der Teilnehmer – Gelegenheit für Diskussion und Austausch zur Verfügung gestellt werden, der sich bis in die gemeinsame Abendveranstaltung hineinzog. Bereits zuvor und neben dem Moderationskartenchat wurde die Möglichkeit eröffnet, Fragen an die Referenten zu stellen. Sie sollten wie Zuschauerfragen bei einer Fernsehdiskussion eingeführt werden. In kurzer Zeit hat sich eine intensive Diskussion entwickelt und zu Erkenntnissen geführt, die wie folgt zusammenzufassen sind:

  1. Die Mediation erlaubt eine Tiefe und eine Vielfalt, die den Zugang aus unterschiedlichsten Perspektiven und Disziplinen ermöglicht. Im Idealfall lassen sich alle Zugänge auf denselben Nenner zurückführen.
  2. Dafür ist die Beachtung der Interdisziplinarität und der Interprofessionalität eine conditio sine qua non. Sie wird nicht dadurch erfüllt, dass Beiträge aus verschiedenen Disziplinen aneinandergehängt werden. Das Mediationswiki, Wiki to Yes trägt dem Bedürfnis Rechnung, ein verbandsunabhängiges, disziplin- und professionsübergreifendes Portal zur Verfügung zu stellen, das alle Informationen zur Mediation sammelt und verlinkt. Es wurde bewusst eine Wiki-Technik eingerichtet, damit jeder Mediator nicht nur Beiträge vorlegen, sondern auch kommentieren kann.
  3. Alle Referenten- und Teilnehmerbeiträge deuteten darauf hin, wie wichtig es ist, den Weg in die Kooperation noch vor der gesetzlichen Mediation und so früh wie möglich zu bereiten, und unterstützend in den Konfliktprozess einzugreifen.
  4. Wichtig ist auch, dass die Anbieter bei der Konfliktlösung das gleiche Ziel verfolgen und sich nicht gegenseitig behindern oder abwerten. Das Helfersystem muss aufeinander abgestimmt werden. Dabei kommt es auf eine systemische und ganzheitliche Sicht an, die besonders bei hoch eskalierten Konflikten den kooperativen Weg sicherstellt. Die Cochemer Praxis und das Altenkirchener Modell liefern dafür Erfahrungsgrundlagen, auch wie die Mediation dabei zur Geltung kommt.
  5. Die Ausbildung muss auf die Möglichkeit der gemeinsamen Zielausrichtung und die holistische Sicht auf die Verfahrenslandschaft ausgerichtet werden. Die integrierte Mediation stellt sowohl eine Verfahrens- wie eine Mediationssystematik zur Verfügung und bietet sogar ein integriertes Clearing an, das bereits Teil der Ausbildung ist.
  6. Die integrierte Mediation, die das Denken der Mediation als eine Verstehenskompetenz nach vorne stellt und am Nutzen ausgerichtet wird, erlaubt einen sehr frühzeitigen Einsatz, bei dem die Mediation zumindest methodisch (als substantielle Mediation) auch durch andere Professionen und Dienstleister angewendet wird. Rückfragen aus dem Auditorium legten es nahe, die Erfahrungen für spezifische Anwendungsformate auszuarbeiten und zu vereinfachen, damit sie auch dort zur Anwendung kommen. Das Prinzip ist stets das Gleiche. Die Umsetzung variiert jedoch. Die Teilnehmer wurden eingeladen, ihr Interesse per Mail anzumelden oder sich an den geplanten Folgeveranstaltungen zu beteiligen.
  7. Wegen des besonderen Interesses an der Verfahrensbeistandschaft wurde der Vorschlag unterbreitet, sich an Guido R. Lieder als den Fachbereichsleiter Familienmediation zu wenden, der die Bildung einer Arbeitsgruppe vorgeschlagen hat.
  8. Energetisch betrachtet wird die Streitenergie in eine gedankliche Energie umgewandelt. Die Streitenergie steht der Harmonie nicht im Wege. Die Harmonie vereinnahmt die Gegensätzlichkeit und Spannungen. In der Mediation geht es darum, die Aufeinanderbezogenheit und das, was zuvor als Emergenz beschrieben wurde, herzustellen.
  9. Bei der Frage, wie die Parteien zum Denken bewogen werden können, wurde herausgestellt, dass sich das Motiv zum Denken aus dem Zweifel ergibt. Die Fähigkeit zum Denken ergibt sich aus der zur Verfügung stehenden Zeit und wie das Rechenbeispiel von Prof. Dr. Egner zeigte, auch aus der Art der Fragestellung, die zum Zweifel geführt hat.
  10. Es wurde herausgestellt, dass sich Parteien bei hoch eskalierten Konflikten gegen Gedanken wehren. Oft wird übersehen, dass Gedanken nur Gedanken sind. Sie können auch verworfen werden. Um verworfen werden zu können, müssen sie zugelassen werden. Die Mediation begünstigt den Gedankengang nach der kognitiven Mediationstheorie in wesentlichen Schritten. Sie lenkt die Gedanken in die richtige Richtung. Nicht immer genügt ihre Vorgabe. Gegebenenfalls muss der Mediator mit Interventionen nachhelfen.
  11. Der Mediator muss nicht nur das Streitsystem, sondern auch die Korrespondenzsysteme im Blick haben und die möglichen Einflüsse anderer Verfahren und Dienstleistungen beachten. Bei hoch eskalierten Konflikten neigen die Parteien dazu, aus der Kooperation auszubrechen. Lebende Beispiele, wie die Kooperation systematisch unterstützt werden kann, liefern das Altenkirchener Modell (aus der Mediation heraus) und das Cochemer Modell (um die Mediation herum). Jenseits dieser Modelle finden die Parteien In der Praxis jedoch leicht eine Unterstützung, die den Weg in die Konfrontation begünstigt und die Kooperation verhindert. Diese Problematik wird auch in dem Buch „Mediation visionär“ besprochen.
  12. Es ist wichtig, dass die Freiheit der Möglichkeiten in der Mediationspolitik gewahrt wird. Es ist deshalb gefährlich, wenn Eigenschaften (zur Reduktion der Komplexität) festgelegt werden, an denen der Mediator gemessen wird. Sie könnten die Freiheit und die Vielfalt der Mediation einschränken. Die Benchmarks der integrierten Mediation kontrollieren den Prozess und nicht den Mediator. Sie geben dem Mediator alle Freiheiten, die erforderlich sind, um den Prozess an seine Eigenschaften und Fähigkeiten anzupassen.
  13. Zum Verstehen gehört die Empfindung was stört. Mithin sind Störungen ein Schlüssel zum Verstehen. Der Mediator sollte ihnen nicht aus dem Weg gehen. Auch die kognitive Mediationstheorie, die zum Verstehen der Mediation beiträgt, erarbeitet ihre Grundlagen – wie im Referentenbeitrag ausgeführt – aus den möglichen Störungen (dort als Herausforderungen bezeichnet) im Gedankenverlauf.
  14. Auf den unheilvollen Wettbewerb zwischen Institutionen, Organisationen und Professionen, einschließlich der Mediationsverbände angesprochen, wird eine Zusammenführung des interdisziplinären Wissens in der Praxis mit dem Modell der Coopetition vorgeschlagen. In diesem strategischen Konzept, das im Beitrag „Nachfrage“ ausführlicher vorgestellt wird, arbeiten Verbände und Organisationen auf gleicher Augenhöhe zusammen, um Konzepte zu entwickeln. Der Wettbewerb beschränkt sich dann auf den Vertrieb. Im Bereich der Mediation würde diese Vorgehensweise die Selbstreferenzialität überwinden und sicherstellen, dass ein breites und übereinstimmendes Mediationsverständnis entsteht, auf dem eine konforme Umsetzung mit korrekten (sich nicht widersprechenden oder gegenseitig abwertenden) Angeboten bei geklärten Kompetenzkriterien möglich wird.
  15. Der allgemeine Umgang mit Informationen ist besorgniserregend. Er findet sich aktuell nicht nur in der politischen Landschaft wieder. Die ganzheitliche Sicht geht verloren. Die Komplexität wird geleugnet. Feindbilder werden genutzt, um einer Auseinandersetzung zu entgehen. Die Denkweise der Mediation würde zumindest im Verständnis der integrierten Mediation Abhilfe schaffen. Die auf der Konferenz eingeführte, kognitive Mediationstheorie erlaubt, die Mediation als einen Prozess der Informationsverarbeitung zu begreifen. Die Art und Weise der mediativen Informationsverarbeitung ist nicht nur ein Teil der Mediation. Sie führt auch in die Mediation hinein.
  16. Zum Verstehen gehört auch ein sorgfältiger Umgang mit Informationen. Er wird von einem Mediator erwartet und sollte nicht nur der Mediation vorbehalten sein. Allein in der Diskussion zählte das Wort integriert zu den meist genannten Worten. Wenn es gelingt, die Mediation im Alltag besser zu integrieren, zeigt sich ein Weg, um viele Probleme der modernen Gesellschaft zu lösen.
  17. Die Komplexität ist kein Schreckgespenst. Sie ist eine Chance, wenn man sich ihr stellen kann. Die Mediation ist auch dafür ein Tool. Die kognitive Mediationstheorie setzt sich mit dem Paradoxon auseinander, wie die Komplexität zu bewältigen ist ohne sie zu reduzieren.

Jahresversammlung

Traditionsgemäß wird die Konferenz mit der Jahresversammlung des integrierte Mediation e.V. verbunden. Der Geschäftsbericht wurde vorgestellt. Auch wurden Ideen eingebracht, die zur Förderung der Mediation und der Mediatoren beitragen. Die ersten Schritte für die bereits in Auftrag gegebene Neukonzeption des Webauftrittes wurden vorgestellt. Den Geschäftsbericht 2020 finden Sie bei den Jahresberichten.

Aufarbeitung und Fortführung

Es bedarf einer weiteren, über diesen Bericht hinausgehenden Aufarbeitung, um das in der Konferenz bereitgestellte Wissen auszuschöpfen, neue Erkenntnisse herzuleiten und die darauf bezogenen Erfahrungen auszutauschen. Manche Referenten erklärten sich auf die Bitte der Teilnehmer auch bereit, ihren Beitrag schriftlich auszuarbeiten und den Mitgliedern zugänglich zu machen. Es ist geplant, die Beiträge auf der Seite in-mediation.eu oder bei den Fachbeiträgen im Wiki to Yes zu veröffentlichen. Bereits veröffentlicht wurden:

Fragen, die auf der Konferenz nicht beantwortet wurden oder die daraus entstanden sind, werden noch in einem Forum auf Wiki to Yes eingegeben, wo sie diskutiert und beantwortet werden können. Auch von dieser Seite können Sie sich benachrichtigen lassen, wenn neue Beiträge eingestellt werden.

Schon jetzt steht das Konferenzmaterial, also die Präsentationen und Handouts der Referenten den Teilnehmern und den Mitgliedern zum Download zur Verfügung. Der Link zum Download wird ihnen per Mail zugesandt. Das gleiche gilt für die Videoaufzeichnung der Konferenz.

Mit der Aufzeichnung wurde nicht nur eine gute Grundlage geschaffen, um die Konferenzbeiträge in Ruhe nachzuvollziehen. Sie entschädigt auch die Mitglieder, denen die Teilnahme verwehrt war. Ob und wie die Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt werden, hängt von der Qualität und dem Überarbeitungsaufwand ab. Geplant ist, das Videomaterial auf Youtube zu veröffentlichen. Bitte abonnieren Sie den Kanal der integrierten Mediation, um über das Hochladen der Videos informiert zu werden.

Themen, die der Vertiefung bedürfen oder die auf der Konferenz nicht zur Sprache kamen, sollen in ergänzenden Onlinekonferenzen abgehandelt werden. Die Termine werden im Magazin veröffentlicht.

Neben fachlichen Fragen bestand ein großes Interesse bei der Frage, wie sich die Mediation nach dem Vorbild der Vernetzung im Cochemer oder Altenkirchener Modell einführen lässt und wie sich die Wege in ein mediatives Vorgehen herstellen lassen. Die integrierte Mediation stellt dafür Konzepte bereit, die ohne Weiteres adaptiert werden können. Es bedarf offenbar aber einer weiteren Einführung und gegebenenfalls eines Anpassungsbedarfs. Die Anregung zur Bildung von Expertengruppen wurde aufgegriffen und als eine zusätzliche Motivation für die bereits erwähnten Onlineveranstaltungen verstanden.

Schon auf der Konferenz haben sich Kontakte und kleine Netzwerke gebildet. Wieder einmal wurde deutlich, wie viele hochkarätige Experten sich der integrierten Mediation angeschlossen haben. Sie finden die Kontaktdaten zu den Referentinnen und Referenten deshalb auch im Mitgliederverzeichnis. Gegebenenfalls können Kontakte aber auch über das Vereinsbüro vermittelt werden. Schreiben Sie einfach ein Mail an das Büro der integrierten Mediation durch Klick auf den folgenden Link:

Die Frage, wie die zum Teil verborgenen Experten im Verein jenseits der Zufallsbegegnungen auf Konferenzen auffindbar sind, ist ohnehin ein Projekt, das der Verband in Angriff genommen hat und das im Zusammenhang mit der Neugestaltung der Webseite zu erledigen ist.

Feedback

Das Feedback war durchgängig positiv. Besonders die hohe Qualität der Beiträge, ihr Tiefgang und die Kompetenz der Referenten wurde gelobt. Auch die Mischung von Theorie und praktischer Erfahrung wurde als gelungen zurückgemeldet, ganz zu schweigen von der unauffälligen Organisation im Hintergrund, die den reibungslosen Ablauf sichergestellt hat. Die Anstrengungen des Vereins, den Mitgliedern derartige Angebote kostenfrei zur Verfügung zu stellen, wurde nicht nur wahrgenommen, sondern neben den anderen Angeboten des gemeinnützigen Verbands als herausragend bezeichnet. Sie sind dem ehrenamtlichen Engagement der Protagonisten geschuldet.

Fazit

Eine derart komplexe und informationsreiche Veranstaltung erlaubt verschiedene Erkenntnisse und unterschiedliche Sichten. Werden alle Sichten zusammengeführt, könnte das Fazit lauten, dass ein Verstehen immer geeignet ist, einen hitzigen Streit zu vermeiden und konstruktive Lösungen herbeizuführen. Die kognitive Mediationstheorie erläutert nicht nur den mediativen Verstehensprozess. Sie erweitert auch den Mediationsradius, sodass sich das mediative Verstehen immer und überall verwirklichen lässt. Auch alltägliche und politische Diskrepanzen lassen sich mit dieser Herangehensweise schon im Vorfeld auflösen, denn: „So verstehen wir uns!“.

www.in-mediation.eu/Konferenz-2020-Bericht