Angeblich sind alles echte Fälle und wahre Begebenheiten. In diesem Jahr stehen die beiden Profi-Mediatoren wieder vor einer neuen Herausforderung. Der Engelsbote veranlasst sie, sich mit der Engelschar und der Mediation auseinanderzusetzen. Der Leser mag entscheiden, ob und wo er die Mediation und die Mediationslandschaft darin wiederfindet. Natürlich meistern Medi & Ator auch diesen Fall. Zumindest stellt sich bei Medi die gewünschte Stimmung ein.

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Die heiligen drei Könige

„Schon wieder ist ein Jahr vorbei “, sagte Medi etwas wehmütig. War da doch so viel was sie erledigen wollte. „Gott sei dank muss ich dieses Jahr keine Weihnachtskarten schreiben. Das macht es etwas leichter“, sagte sie zu Ator. Ihre Ansage sollte sarkastisch klingen. Ators fragender Blick veranlasste sie jedoch zur Klarstellung: „Wegen der DGSVO, der Datenschutz-Grundverordnung“. Medi rollte ihre Augen als sie das Wort aussprach. „DSGVO!“, korrigierte Ator. „Aber was hindert Dich daran, Weihnachtskarten zu verschicken? Wer von Deinen Freunden keine Weihnachtskarte will, der kann Dich doch abmahnen“, schlug Ator ganz unmediativ vor. „Und dann machen wir daraus eine Mediation“, fügte er hinzu, als wäre es ein tolles Businesskonzept für die Weihnachtsmediatoren. „Weihnachtskarten und Weihnachtsmediation das passt doch. Und Mediatoren leben doch vom Streit, oder nicht? Du kannst mich dann ja als Mediator vorschlagen“. Es sollte ein Scherz sein.

Für Medi war das Thema überhaupt kein Spaß. „Guter Tipp“, pfiff sie Ator deshalb abwertend aus dem Mundwinkel an und fügte ernsthaft hinzu: „Ich suche nach einem Ausweg, nicht nur für die Datenhaltung und die Datenverwendung, sondern auch für die Widerrufsbelehrung“. Ator setzte seine Provokationen fort: „Du willst also darüber belehren, dass Dein Weihnachtsgruß widerrufbar ist, um einer Abmahnung zu entgehen?!? Hab ich Dich da richtig verstanden?“. Doch Medi ließ sich nicht beirren: „Du weißt genau, dass ich den Mediationsvertrag[1] und unsere Kundendatei meine“.

Wie gesagt, Medi verstand bei dem Thema keinen Spaß. „Weißt Du nicht, dass wir neben der Belehrung über die Freiwilligkeit[2] auch noch eine Widerrufsbelehrung[3] vorlegen müssen?“, fragte sie Ator ganz ernsthaft. „Nicht immer“, korrigierte Ator, um seine Provokationen fortzusetzen: „Ja, das ist auch gut so“. Ator kam aus dem Sarkasmus nicht heraus: „Du ahnst ja nicht, wie gefährlich so eine Mediation sein kann. Stell Dir vor, sie könnte sogar im Streit enden“. Ator zwinkerte, als er seine nicht ernst gemeinte Warnung vortrug. Er wusste, dass Medi der durchaus berechtigten Auffassung war, dass die Rufe nach staatlicher Gewalt der Mediation[4] eher schaden als nutzen. Lediglich kleine Korrekturen, die den Weg in die Kooperation erleichtern und verhindern, dass die Mediation verbogen wird, hielten die erfahrenen Mediatoren für sinnvoll. Welche Eingriffe das sind, entnahmen sie nicht etwa der Evaluation zum Mediationsgesetz[5], sondern der eigens dafür eingerichteten Watchlist[6], in der sinnvolle Gesetzeskorrekturen explizit vorgeschlagen werden.

Die Erfinder der Weihnachtsmediation[7] hatten sich natürlich längst mit der Frage der Implementierung der Mediation[8] intensiv auseinandergesetzt. Beide erinnerten sich noch sehr genau an die Begegnung mit Dr. Niko Laus[9]. Medi & Ator jedenfalls hatten sich das sehr zu Herzen genommen.

Die Mediationspolitik[10] ist ein weites Feld und sicher kein Thema für die Vorweihnachtszeit, geschweige denn die Weihnachtsstimmung. Weihnachten ist ein Fest des Friedens. Bei der Idee des Friedens scheint es Abweichungen zur Politik zu geben. Da wird zwar Mediation eingefordert, aber für Andere. Woran das liegen mag? Obwohl Medi & Ator mit dem weihnachtlichen Streit ihr Geld verdienten, vermieden sie es selbst weitestgehend, sich einem Streit auszusetzen. Deshalb kam Medi auf ihren Ursprungsgedanken zurück.

„Ich hab nur einen Bruchteil von dem gemacht, was ich mir in diesem Jahr vorgenommen habe“, hob sie jetzt schon zum zweiten mal hervor. Ator wusste, dass Bemerkungen, die jemand wiederholt, wichtig sein müssen. Trotzdem spielte er Medis Bemerkung herab. „Wer weiß wofür das gut ist“, sagte er, ohne auf Medis Not einzugehen. „Einen echten Mediator bringt das jedenfalls nicht aus der Ruhe“. „Angeber“, antwortete Medi. Sie war mit Ators Belehrung ganz und gar nicht einverstanden. „Das musst DU gerade sagen“, verteidigte sie sich. „DU bist doch der Panikmacher. Zu wenig Nachfrage, zu wenig Umsatz, zu wenig Streit, …“, äffte sie ihn nach. „Wie oft musste ich mir das anhören? Als ob ICH daran etwas ändern könnte“. Ihre abschließende Bemerkung, „Dir ist doch nichts genug“, sollte ihren Gedanken auf den Punkt bringen.

„Ist ja schon gut“, beschwichtigte Ator. Innerlich lobte er sich für sein Einlenken. Er bemühte sich, optimistisch zu klingen. Sein gespielter Optimismus sollte unterstreichen, dass Medi nur falsch liegen kann, wenn sie Ator einen notorischen Pessimisten nennt: „Immerhin haben wir eine Umsatzsteigerung von 100%“, erwiderte er stolz. „100%???“, Medi war ebenso erstaunt wie verwirrt. „Wir hatten vier Mediationen in diesem Jahr! Und zwei davon waren noch nicht einmal …“. Medi konnte ihren Einwand, dass es sich dabei nicht wirklich um eine Mediation gehandelt habe, nicht ausführen. Ator unterbrach sie einfach: „Ja genau, das sind zwei mehr als im Jahr davor. Und das ist eine Steigerung von 100%!!! Überleg doch mal, in 10 Jahren sind das bei dieser Steigerungsrate 2048 Mediationen!“, belehrte Ator sie schon wieder. „Das ist doch was!“. Ator zählte in Gedanken bis 23. Natürlich von 20 aus: 20, 21, 22, 23. Die Zählung bewirkt entweder eine Denk- oder eine Betonungspause. Ator hatte gelernt, bei Sätzen, denen ein besonderes Gewicht beizulegen ist, dem Gegenüber Zeit zu geben, damit sich der Gedanke auch in dessen Kopf etablieren kann[11]. Der Nachweis, kein Miesepeter zu sein, war ganz sicher ein Gedanke, der sich bei Medi setzen musste. Erst recht, weil Ator dem noch etwas draufsetzen konnte. „Wer von uns ist also jetzt der Schwarzseher?“, trat er nach. Ator wollte auf keinen Fall über diesen Punkt weiter diskutieren. Deshalb fügte er den ultimativen Beweis für seinen ausgelassenen Optimismus hinzu: „Und gleich kommen schon die nächsten Medianden!“.

Medi wusste nicht, ob sie das glauben sollte. Deshalb täuschte sie ihre Begeisterung vor, als sie übertrieben fröhlich erwiderte: „Das ist ja toll! Super“. Wenn die Ankündigung stimmte, freute sie sich natürlich wirklich. Im anderen Fall gab die Ankündigung auch Anlass zum Ärger. Ator hatte die Mediation einfach angenommen, ohne die Entscheidung mit seiner Partnerin zu teilen, ohne sie zu informieren und ohne mit ihr darüber zu sprechen. Informationen einer Kollegin vorzuenthalten oder ihr den Fall gar wegzunehmen, ist in Medis Welt schlicht und einfach ein hinterhältiges Mobbing; oder ist es etwa Frauendiskriminierung? #me too dachte Medi. Jetzt zeig ich’s Dir. Dementsprechend spitz fiel ihre Reaktion aus: „Und … (Betonungspause) … KANNST Du das?“. Das etwa hat sie sich in letzter Sekunde verkniffen. Sie war sich bewusst, dass ihre Vorwürfe ja nur auf Annahmen beruhten. Ator hat Ihre Spitze zwar gehört aber offenbar falsch interpretiert. Er fühlte sich daran erinnert, dass Medi ihm immer wieder vorhielt, eine umfänglichere Ausbildung zu haben. Ator sagte deshalb etwas genervt: „Ich dachte, das Thema wäre durch!“. Medis anschließendes „Meinst Du etwa …“, war der Auftakt einer Begründungssemantik[12], die es nicht lohnt, wiedergegeben zu werden. Keinesfalls war es so, dass Medi & Ator sich in zirkulärer Kommunikation[13] übten, zumindest nicht bewusst. Sie bemerkten auch nicht ihr Hase und Igel -Spiel[14]. Wäre ihnen die Art und Weise ihrer Kommunikation bewusst gewesen, hätten sie sich sicherlich gefragt, wie dieser Streit zu einem Mediator passt. Sie hätten wahrscheinlich auch gelernt, dass weder die Metakommunikation[15] noch eine paradoxe Intervention[16] in der Lage waren, ihre angriffslustige Kommunikation so präzise und effizient zu beenden wie die Türklingel.

Der an die fünf Phasen angelehnte 5-fach-Gong verkündete die frohe Botschaft. Ding Dong Dong Deng Ding. Ein Mediand steht vor der Tür! Medi wusste zu wenig vom Fall und den Vorgesprächen[17]. Deshalb wollte sie dieses Mal nicht die Tür öffnen. Stattdessen forderte sie Ator auf, den Medianden gefälligst selbst zu begrüßen.

Medi staunte nicht schlecht, als sie hörte, wie Ator den merkwürdig gekleideten Mann begrüßte: „Sie sind der Magier, richtig?“, hörte sie ihn sagen. „Ja, richtig antwortete der Ankömmling. Er war mittelgroß und im mittleren Alter. Er trug einen mittellangen schwarzen Bart und einen mittelmerkwürdigen Hut. Der sieht ja aus wie ein Sultan, dachte Medi bei sich. „Ja, ich bin einer von denen“, antwortete der Ankömmling. Sein Akzent war nicht zu überhören. Er fügte hinzu: „Wir sind auch Sternedeuter. Mein Name ist Balthasar. Ist der kindhafte Caspar schon hier? Der greise Melchior ist wahrscheinlich noch nicht da – wie immer“. „Nein, Sie sind der Erste“, antwortete Ator. Er ließ sich sein Erstaunen über die Wortwahl Balthasars nicht anmerken. Die war schon auffällig und entging natürlich keinem Profimediator[18]. Was soll denn das bedeuten?, überlegte Ator, ohne eine Idee zu haben, wie er seine Frage beantworten könnte. Ator hielt sich an die Ordnung: „Kommen Sie doch bitte herein. Sie sind etwas früh. Nehmen Sie schon mal im Mediationssaal Platz. Meine Kollegin und ich kommen zu Ihnen, sobald wir vollzählig sind. Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“. „Ja bitte. Ich nehme einen Myrrhe-Tee“, sagte Balthasar. „Damit haben wir gerechnet“, prahlte Ator. Er füllte den Becher ein Drittel voll und stellte ihn mit einer einladenden Geste vor Balthasar auf den Tisch. Ator hatte gehört, dass es in manchen Kulturen unhöflich sei, den Becher weiter zu füllen. Weil er das interkulturelle Training aber noch nicht besucht hatte, wusste er auch nicht, ob und wie er mit solchen Herausforderungen umzugehen hat. Dass er den Becher zu einem Drittel gefüllt hat, sollte zugleich ein Ausdruck für die Gleichbehandlung sein, weil insgesamt drei Medianden erwartet wurden.

Als Ator ins Büro kam, konnte Medi ihren Spott nicht verkneifen: „Aha es geht um ein Treffen der Zauberer. Hattest Du den Kollegen etwas über die Magie der Mediation[19] gesagt?“. Der erfahrene Ator bemerkte natürlich den bissigen Unterton in Medis Kommentar und das mit den Kollegen hat er auch überhört. Allerdings legte er großen Wert auf Medis Meinung zu dem Fall. Er selbst hatte erst vor wenigen Stunden mit Balthasar telefoniert und noch keine Gelegenheit gehabt, mit Medi darüber zu sprechen. Es ging ja auch nicht nur darum, Medi über den Anruf zu informieren. Ator hielt den Fall für knifflig. Er hätte sich sehr gerne in Ruhe mit Medi ausgetauscht. Auch sah er einen Unterstützungsbedarf, weil Balthasar mit einem deutlich hörbaren Akzent sprach. Ator vermutete, dass er Ausländer sei. Dann sind natürlich zweimal die vier Ohren[20], also 8 Ohren und vier Augen besser als nur zwei. Er hat gehört, dass man bei Ausländern auf alles achten muss[21].

Als er Medi seinen Gesprächsbedarf offenbarte, wurde sie ebenso neugierig wie versöhnlich. Sie wunderte sich, was an dem Fall denn so außergewöhnlich schwierig sei. „Schwierig?“, sinnierte Ator, „Ich weiß nicht ob der Fall schwierig ist. Merkwürdig wäre zutreffender“, erklärte er. „Herausfordernd ist er allemal. Aber das ist für uns doch nichts Besonderes“.

„Ich verstehe es so“, wollte Medi helfen, „dass Du mit Balthasar, … (Denkpause) … das ist der mit dem mittellangen Bart, … (Denkpause) … Der sieht irgendwie mittelkomisch aus, jüdisch am Kinn und auf dem Kopf arabisch. Der Bauch ist deutsch. Hmmm und die Hautfarbe, ich glaube, das darf man nicht sagen … (künstliche Denkpause) … Er sieht aus, wie jemand aus dem Morgenland halt. … (nachdenkliche Denkpause) … Wie dem auch sei, Du hast mit ihm ja wohl ausführlich über den Fall gesprochen. Wie lange eigentlich?“. „Na das waren schon 1 ½ Stunden“, antwortete Ator. „Balthasar ist nicht leicht zu verstehen“. Medis Frage hat ihn sichtlich beunruhigt: „Hätte ich nicht so lange mit ihm reden sollen?“, fragte er. „Keine Ahnung“, sagte Medi. „Es war ein Einzelgespräch und dafür hattest Du nicht die Erlaubnis der anderen Medianden“. „Wie soll das denn gehen, wenn die anderen noch gar nicht anwesend geschweige denn bekannt sind?“, warf Ator ein. „§2 Abs. 3 Mediationsgesetz[22] besagt, ….“. Medi, die ja eigentlich nicht die Juristin war von den beiden triumphierte innerlich. Einem Juristen das Recht vorzuhalten hat immer etwas Erotisches fand sie.

Ator war irritiert. Lediglich sein unerschütterlicher Pragmatismus ließ ihn sagen: „Das hilft uns jetzt nicht weiter. Melchior und Caspar können sich ja beschweren, wenn ihnen das nicht passt“. „Aber zugestimmt haben sie?“, fragte Medi insistierend. Ihre Besorgnis betraf in erster Linie das Honorar. „Ich habe ja noch nicht mit ihnen geredet. Aber davon, dass sie der Mediation zustimmen, gehe ich aus“, antwortete Ator. „Du weißt also nicht, ob sie unser Honorar zahlen, Du Businessmann!“, spotte Medi, um ihre Überlegenheit zu zeigen. Sie hatte eine umfassende Ausbildung. Sie konnte es nicht lassen, von Zeit zu Zeit immer wieder darauf anzuspielen. „Wie denn“, antwortete Ator. „Wenn Du mich zu Wort kommen lässt, wirst Du das Problem verstehen“. „OK, lass hören“, forderte Medi ihn neugierig auf.

„Balthasar hat mir erklärt“, sagte Ator, „dass die drei im Ausland auf dem Weg nach irgendwo seien, um irgendwen oder irgendwas zu treffen. Es klang etwas diffus. Sie sind hier wohl nur auf der Durchreise und wollen nicht sesshaft werden“. „Mehr hat er nicht gesagt?“, fuhr Medi dazwischen, „Du hättest die Mäeutik[23] anwenden können statt auf seine Tilgungen[24] hereinzufallen“. „Ich wollte nicht das Risiko eingehen, dass die Mediation am Ende gar nicht zustande kommt“, rechtfertigte Ator sein Verhalten. Dann ergänzte er: „Die laufen wohl einem Stern hinterher. Ich hab es nicht wirklich verstanden. Ist wohl was Heidnisches und hat mit der Zeit zu tun. Er hat irgendwas über Morgen erzählt. … (Denkpause) … Aber Du weißt schon. Die Verständigung ist nie wirklich optimal mit den Fremdethniern“. Medi wusste Ators Spekulationen zu korrigieren: „Erstens ist es nicht Heidnisch und zweitens ist das Morgenland gemeint“. Medi triumphierte innerlich und sagte: „Da siehst Du wie wichtig es ist, dass ein Mediator über Fachwissen[25] verfügt. Er zieht sonst die falschen Schlüsse“. „Ich hätte ihn gefragt“, sagte Ator, „wenn es relevant geworden wäre“. Einig waren sich die beiden jedenfalls, dass sie im Curriculum Ihrer eigenen Ausbildung zur Weihnachtsmediation wohl noch das Kapitel „Die heiligen drei Könige“ aufnehmen sollten.

Der professionelle Disput der Verstehensvermittler[26] wurde jäh unterbrochen, als es wieder klingelte. Ding Dong Dong Deng Ding. „Das muss der nächste sein“, vermutete Ator. „Ich mach schon mal auf“, sagte er. Medi konnte den Korridor entlang schauen und sah, wer jetzt ihre Dienste nachfragte. Sie sah einen Jüngling. Er war jungmerkwürdig gekleidet. Er hatte die Hautfarbe eines Südländers. Er trug eine Art Jungturban und einen Jungtalar. Ator reichte ihm die Hand. Doch der Jüngling wich zurück, ohne den Händedruck zu erwidern. Stattdessen deutete er eine Verbeugung an. Medi hörte ihn in gebrochenem Deutsch sagen: „Bonjour, je suis Caspar. Ich wurde (hierhin) befohlen“. „Nein, Sie sind freiwillig hier“, betonte Ator vorbeugend. Er hatte gelernt, dass die Freiwilligkeit[27] keine Frage ist und er wollte kein Risiko eingehen, den Medianden wieder zu verlieren. Also ging er sofort zur Tagesordnung über: „Balthasar ist schon da. … Ich führe Sie zu ihm“.

Ator öffnete die Tür zum Mediationszimmer. Auch wenn er in Anlehnung an einen Gerichtssaal immer von einem Mediationssaal sprach, war es doch nur ein 16 qm großer Raum mit einem runden Tisch in der Mitte. Vor dem Tisch standen fünf Stühle. Für jede Phase einer. Ein Wartezimmer gab es nicht. Medi und Ator legten immer großen Wert auf eine passende Weihnachtsdekoration. „Das gehört zur Corporate Identity“, betonte Medi stets. Es war ihr wichtig. Sie plante alles bis ins kleinste Detail. Deshalb hatte sie auch ein sinnliches Gebäck bereitgestellt. Varianten aus Johanniskraut, das die Seele aufhellt, Melisse, das die Nerven beruhigt und Lavendel, der angsthemmend wirkt. Zum Myrrhe-Tee gehören Goldbären dachte sie. Sie erinnerte sich, dass die Mythologie erwähnte, dass einer der heiligen drei Könige Gold verschenken wollte. Das andere Geschenk war Weihrauch. Deshalb gab es auch eine Kerze mit dem Geruch. Ja, ein rundes Setting ist das A&O in der Mediation. Das pflegte sie stets zu sagen. So hatte sie es auch gelernt. Ein gutes Setting ersetzt die Paraphrase[28] hatte ihr Ausbilder immer gesagt. Oder war es umgekehrt? Jedenfalls war sie sich sicher, dass eine gute Atmosphäre dem Verhandlungsklima[29] nur förderlich sein kann. Medi glaubte sogar an einen direkt proportionalen Zusammenhang zwischen der Erderwärmung und dem Verhandlungsklima in der Weltpolitik. Je wärmer die Erde, so lautete ihre Beobachtung, desto hitziger sind die Verhandlungen. Je hitziger die Verhandlungen, das war ihre weitere Schlussfolgerung, desto unvernünftiger sind die Ergebnisse. Unheilvolle, emotional gesteuerte Selektionen führen nun einmal dazu, dass Fakten ignoriert werden. Medi kennt eine Menge Belege für ihre These aus der Politik und anderen Entscheidungsprozessen[30]. Ihr Aufsatz „Streit geht leichter als Vernunft“, sollte vor der Verfänglichkeit der Konflikte[31] warnen. Der letzte Satz ihrer neuesten Abhandlungen: „Die Weihnachtsmediatoren verhelfen Ihnen zu vernünftigen Lösungen“, gestaltete sich als ein Plädoyer für ihre beispiellose Kompetenz.

Ja, die beiden waren leidgeprüft was die Deko anbelangt. Weil sie bei ihrer ersten Mediation mit dem Nikolaus und dem Schokoladenweihnachtsmann im Gebäckkörbchen[32] keinen guten Eindruck hinterließen, haben sie sich mit der Zeit für ein technisch aufwändiges Equipment entschieden. Die neue Deko erlaubte eine maximale Flexibilität und Anpassung. Sie konnte Weihnachtsmotive an eine Wand des Mediationszimmers projizieren. So, als wäre es eine Fototapete. Es war ein toller Effekt.

Heute war die Szene mit der Weihnachtskrippe das Leitmotiv.

Die Gestaltung der Dekoration war das Ergebnis langer Verhandlungen. Die engagierten Mediatoren hatten sich gefragt, welche Dekoration sie alternativ zeigen sollten, falls ihre Dienste etwa von Moslems, Hindus, Bahais, Juden, Buddhisten oder so nachgefragt werden. Medi hatte gehört, dass Moslems beispielsweise gar kein Weihnachten feiern, sondern stattdessen das Opferfest und das Fest des Fastenbrechens. Sie war sich aber nicht sicher. Auch sie hatte noch kein Seminar in interkultureller Mediation belegt. Also wusste sie auch nicht, ob der Hinweis auf Jesu Geburt im Krippenmotiv die Gedanken eines Moslems etwa von einer Einigung ablenkten. Medi und Ator legten großen Wert auf einen neutralen Auftritt. Da war die klientenzentrierte Dekoration ganz sicher ein tolles Feature, auch wenn sie noch kein Motiv für Nicht- oder Andersgläubige anbieten konnten.

Jenseits dieser Spekulationen flüsterte Medi Ator auf dem Weg zum Mediationszimmer zu: „Gott sei dank. Das Krippenmotiv passt ja wenigstens zum vorliegenden Fall“. „Auch wenn dort alle drei abgebildet sind statt nur einem?“, stichelte Ator. Er wollte Medi den Triumpf über ihre Dekorationsidee nicht wirklich gönnen, weil solche Fragen doch in seine Zuständigkeit fielen. Also musste er Einwände haben. Im Zimmer mit dem Krippenmotiv angekommen, staunten die beiden nicht schlecht, als sie Balthasars plötzliche Abwesenheit bemerkten. Improvisation ist alles, redete sich Ator ein. Deshalb behauptete er einfach gegenüber Caspar: „Balthasar muss auf der Toilette sein. Soll ich Ihnen inzwischen auch einen Myrrhe-Tee anbieten?“. Diese Ansage enthielt keine Gedankenpause, damit sich der erste Satz in Caspars Kopf eben nicht festsetzen sollte. Ob ein Mediator lügen darf? Dieser Gedanke schoss Ator durch den Kopf. Aber war es eine Lüge? War es nicht mehr eine Vermutung, eine Meinung oder ein unterstelltes Fakt?[33] Aber wen interessiert schon die Metainformation?[34] Wo sollte Balthasar denn auch sonst sein? Ator füllte den zweiten Becher wieder nur zu einem Drittel voll und stellte ihn mit der inzwischen geübten, einladenden Geste vor Caspar auf den Tisch. „Wir kommen wieder zu Ihnen, sobald Sie komplett sind“, kündigte Ator an. Er hoffte, dass sein Gestammel nicht weiter auffiel. Natürlich glaubte Ator nicht an den Toilettengang. Irgend Etwas ist hier faul, dachte er.

Ator musste seine Befürchtungen sofort Medi mitteilen. In der Küche angekommen sagte er zu ihr: „Irgendwie hatte ich mir das schon so gedacht. Es geht immer etwas schief“. Seine Stimme klang hektisch. „Was regst Du Dich auf, irgendwo wird er schon sein. Einen Mediator bringt das nicht aus der Ruhe“, zitierte Medi. Sie wollte provozieren. „Hast Du etwa gehört, dass jemand auf die Toilette ging?“, frage der faktenorientierte Ator, obwohl er die Antwort kannte. „Jetzt übertreibst Du aber“, ermahnte Medi. „Nein tue ich nicht. Du kennst die Vorgeschichte nicht. Balthasar hatte genau das prophezeit. Die drei Sternedeuter können sich nicht über den gemeinsamen Weg abstimmen. Das ist ja das Problem. Balthasar sagte, sie kämen nicht zusammen. Das gelänge ihnen nie. Ich dachte, damit meinte er das Zusammenkommen im Sinne einer Einigung. Tatsächlich war damit aber wohl das reale Zusammenkommen gemeint. Aber was ist schon Realität?[35] Balthasar sagte auch, dass sie die Sterne ganz unterschiedlich deuteten, so als sähen sie das Firmament aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln und Zeitdimensionen. Kämen sie nicht aus dem Morgenland, würde er vermuten, Caspar käme aus dem Morgenland, er, Balthasar aus dem Mittagland und Melchior käme aus dem Abendland“. Anstatt zu fragen, wie sich Sternbilder über die angesagten Zeiten verändern, schlussfolgerte Medi mit der ihr eigenen Logik: „Also kommen Sie doch zusammen. … (längere Denkpause) …, sonst könnten sie ja ihren Dissens nicht feststellen. Vielleicht treffen sie sich im Tagland?“. „Oder eben nicht“, antwortete Ator, der Bedenkenträger.

Medi und Ator hatten keine Zeit, die Logik tiefer zu durchdringen, denn wieder klingelte es an der Tür. Ding Dong Dong Deng Ding. „Der Gong nervt“, sagte Ator. „DU bist genervt “, erwiderte Medi. “Entspann Dich“, forderte sie Ator auf. „Einen echten Mediator bringt das jedenfalls nicht aus der Ruhe“. Medi musste ihm das Zitat einfach nochmal vorhalten. Diesmal gingen beide zur Tür. Vor der Tür stand ein Greis. Jetzt hatte der Mann einen langen weißen Bart. Er war altmerkwürdig gekleidet und trug einen alten Hut, der wie ein Tarbusch aussah. Um den Hut war ein altes, weißes Tuch gewickelt. Der alte Hut betonte nicht nur seine langen weißen Haare. Er unterstrich auch den fremdländischen Eindruck dieser Person. Sein Alter verleitete eher zur Assoziation eines Abendlandes als eines Morgenlandes. „Mein Name ist Melchior“, sagte der alte Mann in akzentfreiem Deutsch. „Ich bin einer von den Dreien aus dem Morgenland. Sind die anderen schon da?“. „Ja“, sagte Medi. „Nun ja“ sagte Ator. „Jedenfalls sind jetzt alle einmal angekommen“. Wieder unterlässt er die Gedankenpause. Positiv Denken war seine Devise. „Wir führen Sie in den Mediationssaal“. Dort angekommen konstatierte Melchior ungerührt: „Niemand da“.

„Nehmen Sie doch bitte erst einmal Platz“, forderte Medi den Medianden auf, „Wir werden dann die Anwesenheit feststellen“. Ator schaute sie interessiert an. „Aha?“ raunte er. „Die Dekoration passt ja“, bemerkte der greise Melchior unbeeindruckt und mit einem leicht sarkastischen Unterton. „An der Numerik müssen Sie noch arbeiten“. Bevor Medi darüber nachdenken konnte, ob das ein Angriff war, ergänzteMelchior ohne eine Denkpause einzulegen: „Aber dafür gibt es Myrrhe-Tee und Goldbären. Eine Olibanum-Kerze gibt es auch. Bei dem Weihrauchgeruch fühlt man sich gleich wie zu Hause“.Melchior verwies auf die auf dem Tisch stehenden Artefakte.

Medi und Ator spürten in dem Moment, dass sie sich mit dem Setting[36] nochmals auseinandersetzen müssen. Medi war nicht sicher, ob sich die Medianden wie zu Hause fühlen sollten. Ungeachtet dessen füllte Ator den dritten Becher zur Gleichbehandlung wieder nur zu einem Drittel voll und stellte ihn mit der geübten, einladenden Geste vor Melchior auf den Tisch.

Der altmerkwürdige Mann fing sofort und unaufgefordert an, sein Leid zu klagen: „Wir werden immer zu Dritt dargestellt. Sie sehen es ja auf Ihrer Dekoration. Auch da stehen drei Könige neben der Krippe. Leider entspricht das nicht der Realität wie WIR sie wahrnehmen. Wir fühlen uns immer alleine. So geht das Jahr für Jahr, immer und immer wieder. Wir haben den Auftrag, gemeinsam nach … (vergessliche Denkpause) … hab vergessen wie das heißt, zu gehen, nicht irgendwann, sondern so, dass wir am 6. Januar dort ankommen … (vergessliche Denkpause) … oder war es der 19.? Jedenfalls war es morgen. Es war uns noch nie gelungen, den Weg gemeinsam zu gehen. Es stimmt einfach nicht, was man über uns sagt. Caspar kommt immer hinterher und ich bin immer vorneweg, trotz meines Alters. Balthasar ist irgendwo dazwischen. Abgesehen davon, dass wir die Sterne unterschiedlich deuten, können wir uns noch nicht einmal darüber verständigen, ob wir aus dem Morgenland kommen oder ins Morgenland gehen“. Melchior seufzte. Ator bemerkte sofort die Paradoxie in der Aussage, dass es morgen gewesen sei. Ein Mediator achtet eben auf alles; auch auf den Tempus der gewählten Worte. Ator glaubte Melchior zu trösten, als er ihm mit einem betont ausdrucksvollen Blick entgegnete: „Vielleicht trifft alles zu von dem?“. Die unlogische Frage sollte eine paradoxe Intervention[37] darstellen. Das war jedenfalls Ators Intention. Er konnte in dem Moment nicht ahnen, dass seine Frage ganz und gar nicht unlogisch war und dass er mit ihr den Nagel auf den Kopf getroffen hat.

Melchior redete und redete wie einer der Vielredner[38]. Weil keine andere Partei anwesend war, ließen die Mediatoren ihn ungehindert sprechen. Sie vertrauten darauf, dass sich die Rededauer irgendwie in der Honorierung wiederspiegeln wird. Zusammen mit dem 1,5 Stunden Telefonat mit Balthasar haben sie schon einige Zeit für diesen Fall aufgewendet. Trotzdem befinden sie sich noch immer im Vorgespräch[39] oder nicht?

Während Melchior sprach, kamen Ator eine Menge Fragen in den Sinn. Offensichtlich kommen die Medianden aus einem anderen Kulturkreis. Sind Morgenländer eigentlich Ausländer?, fragte er sich. In jedem Fall liegt der Ort, wo sie hin möchten im Ausland oder ist das Morgenland gar kein anderer Ort, sondern nur eine andere Zeit? Müssen wir eine CrossBorderMediation[40] durchführen, auch wenn die Medianden nicht aus einem EU-Land kommen und ist es noch eine interkulturelle Mediation, wenn alle, bis auf die Mediatoren, aus ein und demselben Land sind, fragte er sich. Ator bereute immer mehr, dass er den Kurs Interkulturelle Mediation noch nicht besucht hat. Deshalb fiel es ihm auch nicht auf, dass er es hier mit einer Kultur zu tun hat, die offenbar über ein polychrones Zeitverständnis[41] verfügt.

Auch Medi kam ins Grübeln. Sie überlegte, dass der Konflikt zwischen Caspar, Balthasar und Melchior durchaus für eine Mediation geeignet[42] sei. Immerhin geht es darum, nach einer einvernehmlichen Lösung zu suchen. Medi vermutete einen Beziehungskonflikt und malte im Kopf eine Konfliktlandkarte[43], die sie an das Dramadreieck[44] erinnerte. Sie überlegte auch, ob dieses Gespräch[45] überhaupt zulässig sei. Es wäre ein Einzelgespräch, dachte sie bei sich. Ihr war bewusst, dass sie jetzt selbst bereit sei, ein solches Gespräch zu führen, um genau das zu tun, was sie Ator noch vor wenigen Momenten vorgehalten hat. Ihr war auch bewusst, dass noch keine Phase eins[46] stattgefunden hat. Vor allem gab es auch noch keine Honorarvereinbarung. Sollte sie Melchior etwa unterbrechen, um diese wichtigen Fragen zu klären? Andererseits überlegte sie, wie die Parteien anderenfalls zusammenkommen könnten, damit die Mediation endlich beginnen kann – oder hat sie schon begonnen?[47] Wie soll eine Mediation durchgeführt werden, wenn ein gemeinsames Gespräch und eine Face to Face Kommunikation erst gar nicht möglich sind? Medi wusste, dass es Meinungen gibt, die in dem Fall eine Mediation verneinen[48].

Hinsetzen und drauflosreden geht nicht. Das hat Medi aus einer leidlichen Erfahrung schon lange vorher gelernt. Sie hat gelernt, dass die Mediation ein planbares Gespräch ist, das auch entsprechend vorbereitet sein sollte[49].

Medi hat ihren rechten Nasenflügel jetzt schon drei Mal gestreift. Das war das vereinbarte Zeichen für eine Pause bei der Co-Mediation[50]. Es funktionierte irgendwie nicht. Ator achtete nicht auf sie, sondern nur auf den Medianden. Sie müssen ein anderes Zeichen vereinbaren. Das wurde Medi jetzt klar.

Ator, bei dem stets der Pragmatismus siegt, schien die Probleme nicht zu sehen. Wahrscheinlich kam er deshalb Medi beherzt zuvor. Er erinnerte sich an eine Technik, die er einmal gelernt hat. Die Technik lautet, erst einmal zusammenfassen[51] was bisher geschehen ist und weder an das denken, warum es geschehen ist noch daran, was als Nächstes geschehen soll[52]. Also sagte er: „Ich fasse einmal zusammen was mir bisher aufgefallen war, ohne daran zu denken, warum es geschehen ist oder was als Nächstes geschehen soll. Ist das ok?“. Ohne die Antwort auf seine rhetorisch gemeinte Frage abzuwarten, fasste er das Geschehene wie folgt zusammen:

„Balthasar hat um den Termin gebeten. Er wies bereits darauf hin, dass es schwierig sei, Sie alle gleichzeitig an einen Tisch zu bekommen. Die Annahme war insofern unzutreffend, weil Sie alle angekommen sind. Sie ist zutreffend, weil Sie tatsächlich nicht an einem Tisch sitzen. Ich weiß nicht wo Caspar und Balthasar sich gerade aufhalten. Auffällig ist jedoch, dass sobald jemand von ihnen erscheint, der andere wieder weg ist – und zwar ohne sich zu verabschieden und ohne ein Wort zu hinterlassen oder einen Hinweis zu geben“. Melchior schaute ihn an und sagte: „Ja das wundert mich nicht. Kann ich mal zur Toilette?“. „Ja, sicher“, antwortete Ator, ohne die Tilgung aufzulösen. Er wies Melchior den Weg.

Ator und Medi schauten sich entgeistert an. Medi berichtete von ihrer Konfliktlandkarte[53]. „Ja das mit dem Dreieck klingt gut“, lobte Ator sie. „Ich sehe allerdings kein Opfer, keinen Täter und keinen Retter. Ich sehe einen Jüngling einen erwachsenen Mann und einen Greis“. „Vielleicht tauschen die AUCH ständig ihre Rollen?“, vermutete Medi. „Wer zahlt bei einem Generationenkonflikt eigentlich die Rechnung?“, ergänzte sie. Ator hatte keine Zeit, auf den spannenden Gedanken einzugehen. Die Tür öffnete sich und Balthasar erschien. „Aha“, sagte er, „Melchior ist auch schon da. Jetzt stehen wenigstens drei Becher auf ein und demselben Tisch. Das ist ja schon mal was“.

Auch Balthasar fing unaufgefordert an, sein Leid zu klagen. Redet hier jeder wann er will?, fragte sich Medi, da sind doch noch eine Menge Fragen zu klären. Ihre Neugier forderte jedoch Zurückhaltung, obwohl das Gesetz in §1 Absatz 2 den Mediatoren auferlegt, die Parteien zu führen. Also ließ sie Balthasar reden, auch wenn es die falsche Phase[54] war. „So geht das immer“, sagte der. „Caspar löst Erinnerungen aus, was ich alles falsch gemacht habe. Melchior konfrontiert mich mit meinen unerfüllbaren Wünschen. Wenn ich nicht wäre, bewegten wir uns völlig jenseits der Realität“. Obwohl sie noch nicht in Phase drei[55] angekommen waren, wagte Medi den entscheidenden Loop[56]:

„Mir kommt es so vor, als sprächen Sie von Caspar wie von einem Symbol für unerwünschte Erinnerungen und von Melchior als wäre er die Inkarnation ihrer unerfüllbaren Wünsche. Kann man das so sagen?“, fragte Medi. … (4 minütige Denkpause) … „Ja durchaus“, sagte Balthasar zögernd und nach reiflicher Überlegung. Medi fuhr fort: „Das klingt wie eine unglückliche Beziehung. … (künstliche Denkpause) … Sie vermeiden die Konfrontation, indem Sie sich einfach nicht begegnen. Ist das so korrekt?“. Auch diese Beobachtung bejahte Balthasar zögernd und nach reiflicher Überlegung. Medi legte eine weitere Denkpause ein, um dann zu fragen: „In welcher Beziehung stehen Sie, Caspar und Melchior eigentlich zueinander?“. Balthasar überlegt sehr, sehr lange. Im Mediationssaal herrscht absolute Stille. Nur noch die Uhr war zu hören: tick, tack, tick, tack, tick, tack, tick …. Nach einer gefühlten Unendlichkeit und exakt fast 7 voraussichtlich nicht abzurechnenden Minuten, sagte er schließlich: „Caspar ist meine Jugend und Melchior ist mein Alter“. Das war der entscheidende Satz.

„Und Sie sind vom Morgenland auf dem Weg zum Abendland“, fuhr Ator dazwischen, so als habe er gerade eine eigene Erkenntnis gewonnen, die unbedingt geäußert sein musste. Dass er mit seiner spontanen Bemerkung den Flow der Mediation[57] zerstören könnte, kam ihm nicht in den Sinn. Er hatte Glück. Balthasar fühlte sich nicht provoziert. Er antwortete ganz sachlich: „Nein, unser Zielort liegt definitiv im Morgenland, da wo der Tag beginnt und wo er begann zugleich“.

„Wo der Tag beginnt und wo er begann“, wiederholte Medi ganz bedächtig, als müsse sie sich die Worte auf der Zunge zergehen lassen. Beginnt und begann hat sie besonders betont. Sie konnte die Technik des Wiederholens[58] gezielt und wirkungsvoll einsetzen. Medi zählte in Gedanken 20, 21, 22, 23, um erst nach der dadurch entstandenen Denkpause fortzufahren: „Das ist Zukunft und Vergangenheit zugleich … (gezielte Denkpause) … Kann man das so sagen?“. Eine Weile sagte niemand etwas. Auch Ator hielt sich zurück. Es lag eine knisternde Spannung im Raum. Gedanken begegneten sich. Alles kam in diesem Moment zusammen: früh, spät, alt, jung, gut, böse, hell, dunkel, Inland, Ausland, Mann, Frau, ja, nein, Morgen, Abend, das Eine und das Andere … Alles das kam Medi in den Sinn. Sie konnte es spüren. Und sie wusste, das alles in der Mediation zusammenkommt[59].

„So hab ich das noch nie gesehen“, sagte Balthasar. „Wenn Caspar gestern ist, also das Morgen von dem Sie kommen und Melchior morgen ist, also das Morgen zu dem Sie gehen, wo müssen Sie sich dann treffen, damit Gestern und Morgen zusammenkommen? … (gezielte Denkpause) … Haben Sie eine Ahnung wo das ist?“, fragte Medi weiter.

Balthasar begann zu verstehen. Es ist die Gegenwart, der Moment des Tages.

In dem Moment vereinigten sich die drei Teebecher zu einem bis oben hin gefüllten Gefäß. Es wurde deutlich, dass die Sterndeuter die Sterne zu unterschiedlichen Zeiten beobachteten, sodass unterschiedliche Wegweisungen zustande kamen. Ausschlaggebend für die Konfliktlösung war schließlich die Erkenntnis, dass die drei Magier, wie die heiligen drei Könige auch genannt werden, ein und dieselbe Person waren. Sie waren eine Person, in der nicht nur die drei Lebensalter zusammenfinden, sondern auch zusammenzuführen sind. Sie waren eine waren eine einzige Person, die ihre Balance finden muss.

Als Balthasar gegangen war, sagte Ator: „Wow, das war wieder eine beeindruckende und vor allem eine erfolgreiche Mediation!“. Medi war da anderer Meinung. „Hat Balthasar eigentlich gezahlt?“, fragte sie. Ator stammelte etwas, das sich so anhörte wie „Der wird schon wiederkommen“. Die Hoffnung stirbt zuletzt. „Dir ist hoffentlich klar, dass das eben keine Mediation war“, sagte Medi zu Ators Erstaunen. „Wieso?“, fragte der. „Der Fall ist doch gelöst“. „Das Mediationsgesetz erwartet einen sozialen Konflikt[60] mit unterschiedlichen Personen nicht einen inneren Konflikt mit den Lebenskrisen[61] einer einzelnen Person“, belehrte Medi. „Das Mediationsgesetz gilt aber nicht im Morgenland“, konterte Ator mit einem Augenzwinkern. „Jedenfalls beträgt unsere Steigerungsrate jetzt nicht 100, sondern 150%!“, behauptete er, um seinen eingangs in Frage gestellten Optimismus zu unterstreichen. „Das sind dann in 10 Jahren 19.075 Mediationen“, bekräftigte er.

„Es ist die Frage, wer was verliert. Aber ja, es ist alles auf dem Weg“, sagte Medi.
„Auf dem Weg ins Morgenland“, ergänzte Ator mit einem Augenzwinkern. Medi wusste nicht genau, was er damit meinte. Sie hatte mehrere Hypothesen[62].

„Wie wäre es, wenn wir zuerst einmal das Heuteland genießen“, schlug Medi vor. „Wie wichtig das Heute ist, war das, was ich aus dem Gespräch mit den Magiern gelernt habe. Das Heute ist die Versöhnung von Gestern und Morgen. Im Moment kommt alles zusammen. Ich hatte das vorher nicht so sehen können. Die Mediation ist der Tanz mit dem Moment, sagte einmal ein berühmter Mediator. Diese Erkenntnis soll meine Entlohnung sein“. Medi war mit der Welt zufrieden. Und wenn Medi zufrieden ist, hat Ator keine andere Wahl, auch zufrieden zu sein. An wem sollte er sich denn sonst noch reiben? Die beiden sind eben Medi & Ator. „Ich wünsche Dir ein frohes, versöhnliches Weihnachtsfest, mit Erinnerungen, die Freude machen und mit Wünschen, die Dir einen Nutzen einbringen“. „Das klingt nun wirklich wie Mediation“, erwiderte Ator. „Das wünsche ich Dir auch von Herzen“.

P.S.: Balthasar kam tatsächlich wieder und zwar zu mehreren Gesprächen, die Medi & Ator als Einzelgespräche verbucht haben. So konnten die beiden Mediatoren diese Gespräche dann auch schließlich abrechnen. Balthasar gewann seinen inneren Frieden zurück. Er fand seine Balance in den Widersprüchen des Lebens, indem er lernte, wie ein Mediator zu denken.

Über Medi & Ator

Profis haben es längst bemerkt. Medi & Ator begegnen Fragen, die jeder Mediator in einer Mediation zu bewältigen hat. Machen sie alles richtig? Fest steht, dass sie mit jeder Mediation etwas mehr erfahren über die Gedanken, mit denen sich die Mediation auseinanderzusetzen hat.

Medi & Ator wurden erstmals Weihnachten 2012 von Arthur Trossen eingeladen, der sich diese Geschichten nicht nur als ein anregendes Trainingsmaterial ausgedacht hat, sondern auch als Geschenk an die Mitglieder des Verbandes integrierte Mediation e.V.

Auch Medi & Ator profitieren vom Fortschritt. Sie bemerken die Anreicherung der Fußnoten, mit denen Hinweise auf die theoretischen Grundlagen zur Mediation gegeben werden. Wenn Sie die Fußnoten nachlesen, erkennen Sie was die beiden Mediatoren aus Leidenschaft richtig oder falsch machen.

Medi & Ator sind längst in die Herzen der Leser eingedrungen. Es gab viele Zuschriften mit der Aufforderung, die Geschichte fortzuführen, ja sogar, die Geschichten in einem Roman zusammenzuführen. Weil sie Ihre Erfahrungen gerne teilen, berichten Medi & Ator heute über ihr siebtes Abenteuer als Weihnachtsmediatoren.

[1] https://www.wiki-to-yes.org/Mediationsvertrag
[2] https://www.wiki-to-yes.org/Prinzip-Freiwilligkeit
[3] https://www.wiki-to-yes.org/Widerruf
[4] https://www.wiki-to-yes.org/Mediationspflicht
[5] https://www.wiki-to-yes.org/Mediationsgesetz-Evaluierung
[6] https://www.wiki-to-yes.org/Gesetzesänderungsbedarf
[7] https://www.wiki-to-yes.org/Mediationenverzeichnis
[8] https://www.wiki-to-yes.org/Implementierung
[9] https://www.in-mediation.eu/medi-ator-die-weihnachtsmediation-v/
[10] https://www.wiki-to-yes.org/Politik
[11] https://www.wiki-to-yes.org/Pause
[12] https://www.wiki-to-yes.org/Begründungssemantik
[13] https://www.wiki-to-yes.org/zirkuläre_Kommunikation
[14] https://www.wiki-to-yes.org/Hase_und_Igel_Spiel
[15] https://www.wiki-to-yes.org/Kommunikation
[16] https://www.wiki-to-yes.org/Paradoxie
[17] https://www.wiki-to-yes.org/Einzelgespräch
[18] https://www.wiki-to-yes.org/Mediator-Beruf
[19] https://www.in-mediation.eu/magic-of-mediation-der-film/
[20] https://www.wiki-to-yes.org/Kommunikationsquadrat
[21] https://www.wiki-to-yes.org/interkulturelle_Mediation
[22] https://www.wiki-to-yes.org/Mediationsgesetz_§2
[23] https://www.wiki-to-yes.org/Mäeutik
[24] https://www.wiki-to-yes.org/Tilgung
[25] https://www.wiki-to-yes.org/Fachmediationen
[26] https://www.wiki-to-yes.org/Verstehensvermittlung
[27] https://www.wiki-to-yes.org/Prinzip-Freiwilligkeit
[28] https://www.wiki-to-yes.org/Paraphrasieren
[29] https://www.wiki-to-yes.org/Verhandlungsklima
[30] https://www.wiki-to-yes.org/Entscheidungsprozesse
[31] https://www.wiki-to-yes.org/Konflikt
[32] https://www.in-mediation.eu/medi-ator-weihnachtsmediation-1/
[33] https://www.wiki-to-yes.org/Fakten_Meinungen_Emotionen
[34] https://www.wiki-to-yes.org/Metainformation
[35] https://www.wiki-to-yes.org/Wahrheit
[36] https://www.wiki-to-yes.org/Setting
[37] https://www.wiki-to-yes.org/Paradoxie
[38] https://www.wiki-to-yes.org/Vielredner
[39] https://www.wiki-to-yes.org/Einzelgespräch
[40] https://www.wiki-to-yes.org/CBM
[41] https://www.wiki-to-yes.org/Kultur
[42] https://www.wiki-to-yes.org/Geeignetheit
[43] https://www.wiki-to-yes.org/Konfliktarbeit
[44] https://www.wiki-to-yes.org/Dramadreieck
[45] https://www.wiki-to-yes.org/Gespräche
[46] https://www.wiki-to-yes.org/1.Phase
[47] https://www.wiki-to-yes.org/Zeitrahmen
[48] https://www.wiki-to-yes.org/Unmittelbarkeitsprinzip
[49] https://www.wiki-to-yes.org/0.Phase
[50] https://www.wiki-to-yes.org/Co-Mediation
[51] https://www.wiki-to-yes.org/Zusammenfassen
[52] https://www.wiki-to-yes.org/Mediatorenkoffer
[53] https://www.wiki-to-yes.org/Konfliktarbeit
[54] https://www.wiki-to-yes.org/Prozesslogik
[55] https://www.wiki-to-yes.org/3.Phase
[56] https://www.wiki-to-yes.org/präzises_Zuhören
[57] https://www.wiki-to-yes.org/Flow
[58] https://www.wiki-to-yes.org/Wiederholen
[59] https://www.wiki-to-yes.org/Widerspruch
[60] https://www.wiki-to-yes.org/soziale_Konflikte
[61] https://www.wiki-to-yes.org/Lebenskrisen
[62] https://www.wiki-to-yes.org/Hypothesen

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