Mediation – Weg der Erkenntnis

Der Begriff Mediation wird oft synonym mit der Vorstellung einer freundlichen, außergerichtlichen Streitbeilegung verwendet. Andere meinen, es sei ein überflüssiger Smalltalk. Auch Fachleute schätzen die Mediation sehr unterschiedlich ein. Manche setzen die Mediation mit einem Kompromiss gleich, wie er auch zuvor in juristischen Vergleichen ausgehandelt wurde. Wieder andere meinen, die Mediation sei eine Domäne der Juristen, weil das juristiche Denken im Vordergrund stünde.

All diese Einschätzungen sind unzutreffend. Sie werden der Mediation nicht gerecht! Mediatoren wissen, dass viel mehr dahintersteckt. Was aber genau macht die Kompetenz der Mediation aus und was unterscheidet sie von anderen Verhandlungen? Der Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage ergibt sich aus dem Verständnis der Mediation. Ihre wahre Kompetenz wird deutlich, wenn sie als ein Kognitionsprozess, also als ein Weg der Erkenntnis zur Erkenntnis verstanden wird. Der Schlüssel öffnet zugleich den Zugang zur Integrierten Mediation.

Mediationstheorie

Wer nach einer wissenschaftlich fundierten Theorie der Mediation sucht, wird auf das Harvard Konzept stoßen. Die Forschung von Roger Fisher und William Ury belegt tatsächlich einige wichtige Verhandlungsgrundsätze, die sich in den Prinzipien der Mediation wiederfinden lassen. Dann werden die Eskalationstheorie von Glasl und das Konsensprinzip genannt. Es gibt weitere wissenschaftliche Fragmente, mit denen sich einzelne Phänomene der Mediation beschreiben lassen. Natürlich spielt die Kommunikationstheorie eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, den Verstehensprozess der Mediation zu erklären.

Die Komplexität des Vorganges und der interdisziplinäre Zugang zur Mediation erlauben es, noch weitere Ansätze zur Erklärung mediativer Phänomene heranzuziehen. Keine dieser Fragmente kann jedoch den inneren Zusammenhang und die Funktionalität der Mediation vollständig beschreiben. Lediglich die Kognitionstheorie liefert einen nachvollziehbaren Ansatz, der sich mit der Frage auseinandersetzt, was die Mediation im innersten zusammenhält, um es mit den Worten von Goethes Faust zu formulieren.

Ausgangspunkt

Ausgangspunkt der Überlegung ist die Erkenntnis, dass Mediation anders ist. Ihre Andersartigkeit kommt schon darin zum Ausdruck, dass es die Parteien, also die Medianden sind, die eine Lösung finden sollen. Mithin sind sie es, die Erkenntnisse gewinnen müssen, nicht der Mediator. Seine Aufgabe ist es, den Parteien das zur Lösung führende Denken zu ermöglichen. Um diese Aufgabe zu erfüllen, muss er den Gedankenweg kennen, der die zur Lösungsfindung führenden Erkenntnisse ermöglicht. Er wird mit der Mediation beschrieben.

Ein weiterer Unterschied, der die Mediation von anderen lösungsorientierten Verfahren wie z.B. der Schlichtung abgrenzt, ergibt sich aus dem Verfahrensschwerpunkt der Mediation. Bei der Mediation basiert die Lösungsfindung auf einer Verstehensvermittlung. Sie grenzt sich von der Schlichtung ab, die ihren Schwerpunkt auf die Lösungsvermittlung legt. Im Gegensatz zum Schlichter geht der Mediator davon aus, dass sich die Lösung finden lässt, wenn die Parteien vollinformiert sind und wechselseitig verstanden haben, welche Gedanken und Aspekte zur Lösungsfindung beitragen. Bei der Schlichtung wird die Lösung vorgegeben, bei der Mediation wird sie entwickelt.

In der Mediation ist Verstehen das wichtigste Wort. Weil es ihr darauf ankommt, dass die Parteien dasselbe verstehen, bedient sie sich der Verstehensvermittlung. Den wissenschaftlichen Zugang zum Verstehen liefert die Kognitionswissenschaft. Der Begriff Kognition beschreibt die von einem verhaltenssteuernden System ausgeführte Umgestaltung von Informationen. Er leitet sich vom Lateinischen cognoscere ab, das mit erkennen oder erfahren zu übersetzen ist (siehe Wikipedia/Kognition). Gegenstand der Kognitionswissenschaft ist die Erforschung der Verarbeitungen von Informationen im Rahmen des menschlichen Denkens und Entscheidens. Sie erstreckt sich unter anderem auf die Wahrnehmung, das Denken, das Urteilen, das Gedächtnis und die Sprache. Sie beschränkt sich nicht auf die Kognition an und für sich, sondern umfasst auch die Motivation, die Emotion und die Volition (siehe Wikipedia/Kognitionswissenschaft).

Jeder Mediator wird erkennen, dass sich diese Wissenschaft mit Fragen befasst, mit denen er sich in der Mediation ständig auseinanderzusetzen hat. Die von Arthur Trossen als konzeptuelle Grundlage der Integrierten Mediation entwickelte Kognitionstheorie greift diese Forschung auf und bezieht sie auf die Mediation als einen Prozess der und zur Erkenntnis.

Die Einigung

In der Mediation werden Kognitionen, Emotionen und Volitionen nicht willkürlich erfasst. Sie müssen in einen Zusammenhang gebracht werden, damit sie das Ziel der Mediation verwirklichen. Um zu erkennen, welche Erkenntnisse in der Mediation zu verarbeiten sind, kommt es also entscheidend darauf an, welches Ziel sie verfolgt. Viele meinen, ihr Ziel sei das Herbeiführen einer Einigung in Form einer Abschlussvereinbarung. Diese Festlegung ist nicht präzise genug, wenn sich die Mediation von einem Kompromiss, einer Vergleichsverhandlung oder der Schlichtung abgrenzen soll, die ebenfalls in einer Abschlussvereinbarung enden.

Es gibt viele Mediationen, die sehr erfolgreich sind aber ohne eine ausdrückliche Abschlussvereinbarung auskommen. Das ist z.B. der Fall, wenn die Mediation zu einer Beziehungsheilung geführt hat, die weitere Absprachen erübrigt. Wenn dieser Erfolg durch die Mediation zustande gekommen war (also auf der Anwendung mediativer Methoden liegt), dann handelt es sich auch in diesem Fall durchaus um eine erfolgreiche Mediation, ohne dass es einer Abschlussvereinbarung bedarf. Die Überlegung verdeutlicht, dass der Weg nicht vorgegeben ist, wenn lediglich die Einigung das Ziel definiert. Auch wird deutlich, dass ein den Weg bestimmendes Ziel der Mediation noch vor der Einigung liegen muss.

Eine präzise Zielformulierung in der Mediation legt fest, dass es darum geht, eine Lösung zu finden. Die Zielfestlegung hat eine strategische Bedeutung, weil sie das Verhalten vorgibt und es den Parteien ermöglicht, denselben Weg zu gehen. Ihr Ziel ist erreicht, wenn die Parteien die Lösung gefunden haben. Die Lösung soll natürlich nicht beliebig sein. Insbesondere soll deutlich werden, dass die Mediation in erster Linie einen Konsens, nicht einen Kompromiss anstrebt. Deshalb wird die Lösungsqualität in der Zielvereinbarung gleich mit vereinbart. Ausschlaggebend ist, dass die Mediation zur Zufriedenheit aller Parteien führt, die von dem Konflikt betroffen sind. Mit der dadurch vorzugebenden Bearbeitungstiefe wird zugleich das anzuwendende Mediationsmodell festgelegt.

Die Mediation beginnt mit einer Einigung und führt zu einer. Auf dem Wag zum Ziel liegen viele weitere Vereinbarungen, etwa über die Vorgehensweise oder die errungenen Erkenntnisse. Die Einigung ist also nicht zwingend die Errungenschaft der Mediation. Auch die Abschlussvereinbarung stellt sich lediglich als ein Schritt zur Umsetzung der gefundenen Lösung vor. Sie soll helfen, die Lösung zu verwirklichen und ebenso rechtsverbindlich wie nachhaltig sicherzustellen. Mithin ist das Ziel der Mediation das Finden einer Lösung. Der Weg ist der einer Einigung. Die Abschlussvereinbarung ist ihre Manifestation und deshalb ein mögliches Ergebnis.

Die Suche

Wenn das Ziel das Finden einer Lösung ist, ist der zielführende Weg die (einvernehmliche) Suche. Konsequent beschreibt die Mediation einen Suchvorgang, der zu einer Lösung führen soll, welche die Parteien selbst finden werden. Weiterhin soll die Lösung zu einer situationsbedingt maximal möglichen Befriedigung (Zufriedenheit) führen. Mit der Festlegung der Lösungssuche unterscheidet sich die Mediation von allen anderen Verfahren, wo es darum geht, eine Lösung durchzusetzen oder möglichst nah an die vorgestellte Lösung heranzukommen.

Um die ergebnisoffene Suche im Sinne einer Mediation zu ermöglichen, werden Anforderungen und Rahmenbedingungen zur Verfügung gestellt, die eine solche Suche selbst in einem konfrontativen Klima möglich macht. Die Mediation definiert Meilensteine, damit die Suchenden nicht vom Weg abkommen. Die Suche selbst wird durch die Mediation gesteuert. Die Rahmenbedingungen, die diesen Prozess ermöglichen sind:

  1. Ergebnisoffenes Ziel: Das Ziel ist das Finden einer nicht vorgegebenen Lösung, mit der alle Parteien zufrieden (einverstanden) sind.
  2. Klärung des Weges: Vereinbarung der Mediation, so dass sich die Parteien aktiv an der Suche beteiligen können.
  3. Festlegung der Rahmenbedingungen: Die Suche erwartet eine Kooperation. Um sie innerhalb einer Konfrontation zu ermöglichen, bedürfen offene Gespräche eines besonderen Schutzes, damit die Öffnung der Parteien nicht dazu missbraucht werden kann, ihre Position in der (möglicherweise fortzuführenden) Konfrontation zu schwächen.
  4. Herstellung der Metaebene: Die Mediation ist ein reflexives Verfahren. Um diesen gedanklichen Zugang anbieten zu können, bedarf es der Einrichtung einer permanent präsenten Meta-Ebene, die durch den Mediator repräsentiert wird. Um seine Metaposition einzurichten, muss sich der Mediator außerhalb des Streitsystems positionieren, was durch den Grundsatz der Indetermination sichergestellt wird.
  5. Festlegung der Verantwortlichkeit: Die Ermächtigung der Partei nur solche Lösungen zu akzeptieren, hinter denen sie stehen kann, und die Sicherstellung der gleichen Augenhöhe sowie der daraus resultierenden, verhandlungsgebotenen, gegenseitigen Rücksichtnahme wird durch das wesensimmanente Prinzip der Freiwilligkeit sichergestellt.

Der Weg

Die Suche selbst gestaltet sich als ein Gedankengang. Es geht darum, Informationen zu erfassen und so zusammenzufügen, dass daraus eine Lösung entstehen kann. Dabei konzentriert sich die Mediation, anders als beispielsweise juristische Verfahren, nicht lediglich auf Fakten und Rechtsfolgen. Sie erstreckt sich vielmehr auf das gesamte Streitkontinuum und alle Aspekte der Erkenntnis im kognitionswissenschaftlichen Verständnis. Mit diesem Anspruch eröffnet sich der Mediation die gesamte Komplexität des Falles und des Verfahrens. Die Fähigkeit zur Bewältigung der Komplexität ergibt eine weitere, wesensbestimmende Eigenschaft der Mediation.

Sucht man den spieltheoretisch am besten zur Mediation passenden Spieltyp, ließe sich der Prozess der Informationsverarbeitung am besten mit einem Puzzle vergleichen. Die Puzzlesteine sind die Informationseinheiten, die so zusammenzustellen sind, dass daraus am Ende ein Bild entsteht. Genau genommen handelt es sich um zwei ineinander spiele Puzzles, die in der Mediation zu legen sind. Das eine betrifft das Verfahren (die Mediation), das andere den Fall. Für das Mediationspuzzle gibt es eine Bildvorlage, für das Fallpuzzle nicht. Die Puzzlesteine (Informationen), die der Mediator vorfindet, sind nicht sortiert und gehören nicht zwingend in die zu legenden Bilder. Er findet eine Situation vor, die der Grafik zu diesem Beitrag (Titelbild) nahe kommt. Um die Puzzlesteine dem ein oder anderen Puzzle zuordnen zu können und um zu verstehen, wie sich die Informationen in einen Zusammenhang bringen lassen, kommt es entscheidend darauf an, ein Ordnungsprinzip zu kennen, damit die Puzzlesteine korrekt identifiziert und zusammengefügt werden können.

Der Zugang zur Erfassung und Einordnung der Informationen ergibt sich aus der Metainformation. Jede Information (oder jeder Puzzlestein) verfügt über Merkmale, mit denen die Information zu qualifizieren ist. Um die Komplexität zu erfassen und verarbeiten zu können, werden die Qualifikationsmerkmale in Dimensionen unterteilt. Die Dimensionen lassen sich entweder dem Verfahren oder dem Fall zuordnen. Sie können alles erfassen, was irgendeine konfliktbezogene Relevanz besitzt. Die verfahrensbezogenen Dimensionen sind mehr oder weniger festgelegt. Sie ergeben die Bildvorlage des einen Puzzles. Verfahrensbezogene Dimensionen sind beispielsweise die Qualifikation nach Positionen, Argumenten, Themen, Motiven (Interessen) und Lösungen. Die fallbezogenen Dimensionen werden nach den Anforderungen des Falles gebildet. Sie betreffen also das Puzzle, für das es keine Vorlage gibt. Fallbezogene Dimensionen sind z.B. Fakten, Meinungen, Emotionen, Beziehungen, Rechtsverhältnisse und spezifische Fallfragen.

Die Logik

Mit der Verknüpfung von Information und Dimension lassen sich alle Puzzlesteine (Informationen) so zusammenfügen, dass sie ein Bild ergeben. Mediatoren kennen den Effekt, wenn das Bild plötzlich auch für die Parteien erkennbar wird. Dann fällt die Lösung plötzlich wie reife Früchte von den Bäumen. Es ist ein Zeichen, dass die Informationen korrekt im Sinne der Mediation zusammengefügt wurden.

Die Art und Weise wie die Informationen zusammengesetzt werden, wird deutlich, wenn die Dimensionen wie die Ausbuchtungen eines Puzzlesteins verstanden werden. Die Ausbuchtungen ergeben, welcher Stein mit welchem wie zusammenpasst. Sie sind ein wichtiges Kriterium, den Puzzlestein (die Information) zu positionieren. Die Positionierung (Einordnung der Information) ist keinesfalls willkürlich. Sie entspricht einer inneren Logik. Die innere Logik der verfahrensbezogenen Dimensionen erlaubt die korrekte Zuordnung zu den Phasen der Mediation. Dadurch kann die Information korrekt in das Verfahren (den mediativen Gedankengang) eingebunden werden. Die innere Logik der fallbezogenen Dimensionen erlaubt eine Zuordnung zu den lösungsrelevanten Fragestellungen. Fakten werden mit Fakten, Meinungen mit Meinungen verglichen und nicht etwa mit Fakten verwechselt. Emotionen werden erkannt und den Fakten oder Meinungen zugeordnet. Geht es um Beziehungskonflikte, sind die Beziehung und die Beziehungsebenen weitere Dimensionen, die herauszustellen sind, um den Fall zu lösen.

Die gedankliche Zuordnung der verfahrensbezogenen Informationen ergibt sich aus der Phasenlogik. Genau betrachtet unterstützt sie den Kognitionsprozess, indem sie Einfluss auf den Gedankengang der Parteien nimmt. Sie führt das Denken unbewusst in die Nähe der Lösung, indem die verfahrens- und fallbezogenen Dimensionen miteinander in einer Weise korrelieren, dass sich das eine Puzzle aus dem anderen ergibt. Der mit den Phasen beschriebene Gedankengang ermöglicht das am Nutzen orientierte, lösungsoffene Denken der Mediation wie folgt:

  1. Phase: Diese Phase dient der zuvor beschriebenen Festlegung der Suchbedingungen. Der Rahmen schafft eine Exklave, in der das mediative Denken (der kooperative Suchprozess) möglich wird. Als Ziel wird das ergebnisoffene Finden einer allseits zufrieden stellenden Lösung verabredet.
  2. Phase: Mit dieser Phase beginnt der eigentliche Suchvorgang. Der Streit wird identifiziert, um den Suchradius einzuschränken und die Widersprüche zu klären, die aufzulösen sind. Die Parteien beschreiben was nicht in Ordnung ist. Ihre widersprüchlichen Positionen werden im Thema neutralisiert. Argumente werden lediglich zur Kenntnis genommen. Die Anerkennung des Widerspruchs und die Neutralisierung der Positionen im Thema bildet den ersten Schritt, die Gedanken der Parteien aus dem Streit herauszuführen.
  3. Phase: Um einen Rückfall in den Streit (das Argumentieren) zu verhindern, ist die 3. Phase strikt von der vorangegangenen Streitphase zu trennen. Es kommt zu einem bedeutsamen Gedankensprung, indem die Gedanken der Parteien in eine (hypothetische) Richtung gelenkt werden, wie sich die Situation nach der Konfliktbewältigung anfühlt. Die Gedanken lenken in eine “heile Welt”, wo Gemeinsamkeiten leichter zu erkennen sind. Die “heile Welt” ergibt die Nutzenerwartung. Sie lässt sich aus den Motiven (Interessen) herleiten, die zugleich zur Bedeutungserhellung beitragen. Die Bedeutungserhellung erfolgt zunächst für jede Partei separat (Windows-Technik) wie im Brainstorming. So wird sichergestellt, dass jede Partei alles sagen kann, was ihr auf dem Herzen liegt. Die Rückkopplung mit der Gegenpartei erfolgt aus gutem Grund erst in einem zweiten Schritt, wodurch ein Argumentieren überflüssig wird. Aus der Nutzenerwartung lassen sich die Kriterien ableiten, mit denen die Parteien ihre Zufriedenheit schildern und an denen das Ergebnis zu messen sein  wird. Die Mediation wechselt das Denkmodell, indem nicht das logische, sondern das assoziative Denken in den Vordergrund gestellt wird. Das Denken wird in eine Dialektik geführt.
  4. Phase: Wenn ausreichende Kriterien für die zu findende Lösung erarbeitet wurden, werden Lösungen gesucht. Es ist wichtig, dass die Lösungen zunächst nur gesammelt und nicht diskutiert werden. Das Brainstorming führt zu einer Sammlung von Optionen, die in einem zweiten Schritt in eine dialektische Synthese überführt werden. Die Optionen werden bewertet und daraufhin überprüft, ob sie den zuvor erarbeiteten Kriterien entsprechen. Erst in diesem Verlauf beginnt das eigentliche Verhandeln. Jetzt können (lösungserelavante) Streitfragen gefahrlos aufgedeckt und daraufhin untersucht werden, wie die Fakten zu evaluieren sind. Schließlich wird die so zu einem Lösungskonzept zusammengeführte (gefundene) Lösung mit anderen Lösungen, wie z.B. die juristische aus Rechtsfolgen heraus entwickelte Lösung, verglichen. So stellt die Mediation sicher, dass die Parteien nicht nur einen Vergleich mit anderen Lösungen durchführen, sondern auch davon überzeugt sein können, die für sie jeweils optimalste Lösung zu wählen. Der aus dem Harvard-Konzept abzuleitende Lösungsvergleich ist ein weiteres Wesensmerkmal, das die Mediation aus anderen Verfahren heraushebt.
  5. Phase: Die gefundene Lösung wird manifestiert und auf ihre Verwirklichung überprüft, sodass ihre Nachhaltigkeit gesichert ist. Je nach dem Fall und dem Bedarf der Parteien wird die Verbindlichkeit durch einen rechtsgültigen Vertrag hergestellt.

Es ist beachtlich, dass und wie die Phasen den Gedankengang steuern. Dabei unterstützt die Mediation einen für Menschen zwar möglichen, aber eher ungewöhnlichen Entscheidungsprozess. Normalerweise wird ein Entscheidungsprozess wie folgt ausgestaltet: Zunächst wird das Problem formuliert. Nach einer Analyse wird die Lösung entwickelt. Nachdem die Lösung fixiert ist, beginnen die Überlegungen ihrer Realisation. Lange danach erst wird es sich erweisen, welchen Nutzen die Entscheidung eingebracht hat. Diese Art der Problemlösung lässt sich in allen Lebensbereichen wiederfinden. Der Umgang mit dem Brexit ist ein Musterbeispiel. Konsens und Nutzen sind dort kein Verhandlungsbestandteil. Die Mediation geht mit dem Entscheidungsprozess anders um. Sie vertauscht die Abfolge der zur Entscheidung führenden Schritte und erweitert sie zugleich. Nach der Festlegung der Fragestellung und der jeweiligen Gründe wird, statt zu argumentieren, zunächst nach dem möglichen Nutzen gefragt. Nachdem die Nutzenerwartungen abgestimmt wurden, wird nach der möglichen Umsetzung, also der Realisierung gefragt. Erst dann ergeht die darauf abgestimmte Entscheidung. Sie ergeht im Konsens, nach Verhandlungen auf gleicher Augenhöhe. Eine Mehrheit ergibt keine Verhandlungsmacht, allenfalls ein beachtliches Interesse.

Wichtig ist auch zu beachten, dass und wie die Phasen das Denken einschränken, um es gleichzeitig zu erweitern. Indem die Gedanken an eine Lösung zurückgestellt (ausgeblendet) werden, kann sich der Fokus im Denken der Parteien verändern. Die Nutzenerwartung (Phase 3) ist eine andere gedankliche Ebene, die sich von Positionen und Lösungen abhebt. Der Wahrnehmungsradius erweitert sich. So lässt es sich erklären, dass die Mediation zu Lösungen kommt, die vorher niemand im Blick oder gar für möglich gehalten hätte.

Dadurch dass die Mediation Denkabschnitte voneinander separiert und auf verschiedene Ebenen (Dimensionen) konzentriert, ist es ihr möglich, selbst kontroverse Denkformate wie das logische, das dialektische oder das juristische und das psychologische Denken miteinander zu kombinieren. Die Kombination wird durch eine sequentielle, nicht gleichzeitige Einbeziehung der jeweiligen Denkweise ermöglicht. In der Summe ergibt sich eine, die gesamte Komplexität des Falles und seiner Lösungsmöglichkeiten reflektierende Betrachtung.

Puzzlesteine haben nicht nur Formen. Sie haben auch Motive. Wenn die Puzzlesteine metaphorisch die in der Mediation einzubringenden Informationseinheiten repräsentieren, ergeben ihre Form den logischen Zusammenhang, Der thematische Zusammenhang wird durch die Motive auf den Puzzlesteinen abgebildet und ebenfalls als Dimension erfasst. Idealer Weise entspricht jedes Thema einem Konflikt. So wird sichergestellt, dass der durch die Phasen sichergestellte Gedankenweg für jeden Konflikt durchlaufen wird. Die mit der Mediation am besten korrelierende Einteilung der Konflikte unterscheidet fünf Konfliktdimensionen: Sachkonflikte, Beziehungskonflikte, Wertekonflikte, Strukturkonflikte und Systemkonflikte. Die Konfliktdimensionen beziehen sich auf die Intelligenzzentren des Menschen. Sie definieren also zugleich die Kommunikationsebene auf der diese Konflikte abgearbeitet werden können.

Die Parteien

Wenn der Denkvorgang in den Köpfen der Parteien abzuwickeln ist, sind sie die wichtigsten Protagonisten der Mediation. Ihre Rolle wird durch die Meta-Position des Mediators gestärkt, die den Parteien die Verantwortung für ihre Entscheidungen überlässt. Der Mediator muss also überlegen, wie er es den Parteien ermöglichen kann, den mediativen Erkenntnisweg zu gehen. Dazu gehört es, dass die Parteien auch solche Gedanken an sich heranlassen, die gegebenenfalls von der ursprünglichen Vorstellung einer Lösung abweichen. Oft steht ihnen dabei der Konflikt im Weg. Er verleitet zu irrationalem Verhalten und neigt dazu, in die Irre zu führen. Er kann Verweigerungen und Blockaden auslösen. Wenn die Mediation gelingen soll, müssen diese teilweise auch von außen noch verstärkten Hürden überwunden werden. Der Mediator muss also wissen, welche Einflüsse das Denken beeinträchtigt und welche Erkenntnisse erforderlich sind, um die beiden Puzzles zu vollenden. Die Emotionen spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie sind Teil der Kommunikation. Der Mediator muss Wege finden, wie er es den Parteien ermöglichen kann, ihre Belange zu äußern und die notwendigen Erkenntnisse zu gewinnen.

Dabei kommt ihm die Komplexität entgegen. Er ist nicht, wie in einem juristischen Verfahren an Fakten und Meinungen gebunden und kann die als Dimensionen erfassten Ebenen wechseln, bis sich eine Basis findet, wo ein wechselseitiges Verstehen, Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen die Grundlage für eine Lösung sind. Er weiß beispielsweise, dass der Konflikt nicht nur die Wahrnehmung trübt, sondern auch zeigt, wo das eigentlich zu lösende Problem liegt. Damit der Konflikt in die Mediation eingebunden und von den Parteien nachvollzogen wird, achtet der Mediator darauf, dass sich jeder Konflikt in einem Thema wiederfindet. Er hilft den Parteien den Konflikt zu verstehen und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Der sogenannte Rumpelstilzcheneffekt kommt ihm entgegen. Oft löst sich der Konflikt, wenn die Parteien seinen richtigen Namen nennen und die gerne geleugnete Konfliktverantwortung übernehmen. Die Konfliktklärung bildet deshalb einen wichtigen Schritt. Sie ist psychologisch und gegebenenfalls soziologisch orientiert und verdeutlicht den Unterschied zwischen dem zu lösenden Problem und dem dahinter liegenden Konfliktmotor. Die Konfliktklärung hilft den Parteien zu Erkenntnissen, aus denen sich die eigentlichen Ansatzpunkte für eine nachhaltige, zufriedenstellende Lösung finden lassen.

Von den Parteien wird einiges abverlangt. Abgesehen von der Selbstreflexion begeben sie sich in ein Verfahren, das vollständig auf Macht verzichten kann. Wer sich mächtig fühlt, wird deshalb wenig Interesse an der Mediation haben. Wer sich auf die Mediation einlässt, wird am Ende erkennen, was ihm den größeren Nutzen einbringt. Weil die Mediation als eine strategische Exklave ausgestaltet werden kann, lässt sie auch diese Option offen.

Die Matrix

Der Mediator weiß, dass der mit der Mediation vorgegebene Gedankengang die Lösung herbeiführt. Er konzentriert sein Denken deshalb auf den Prozess, nicht auf die Lösung. Zu Recht wird die Mediation deshalb auch als ein prozessorientiertes Verfahren bezeichnet. Indem der Mediator das Denken der Parteien in die Mediation hineinführt, lassen sich alle Puzzlesteine (Informationen) zusammentragen, die zur Vervollständigung des Bildes beitragen. Die Kommunikation ist das Mittel, das die Kognition ermöglicht. Das Denken ist sein Medium. Ihr zentrales Werkzeug ist das präzise Zuhören. Das präzise Zuhören geht über das aktive Zuhören hinaus. Es bewirkt nicht nur eine Synchronisation der Kommunikation, sondern auch eine Synchronisation des Denkens.

Das durch die Mediation vorgegebene gedankliche Konstrukt legt sich wie eine Matrix über den Prozess. Ihre Eck- und Knotenpunkte stellen sicher, dass sich die Mediation als ein selbstregulierendes, ausbalanciertes System begreifen lässt. Die Matrix wird aus der Meta-Perspektive erkannt, die durch den Mediator abzubilden ist. Die Phasen sagen, was zu tun ist und welche Etappenziele zu erreichen sind. Die Dimensionen erlauben eine ins Detail gehende Strukturierung über die sich die Gedanken vernetzen und vergleichen lassen. Die durch die Mediation zu gewinnenden Erkenntnisse stellen den Nutzen der Entscheidungen heraus. Indem die Mediation die gefundene Lösung gegen andere Alternativen in der WATNA/BATNA Instanz abgrenzt, stellt sie sicher, dass die Parteien die bestmögliche Lösung gefunden haben. Durch die Einordnung der Dimensionen in die Matrix stellt die Mediation schließlich ein internes Qualitätsmanagement zur Verfügung. Das Qualitätsmanagement ergibt sich aus der Korrelation der Matrixpunkte, indem die Entscheidung an Kriterien gemessen wird, die in der Mediation selbst erarbeitet wurden und wo sich ein Maßstab findet, der es erlaubt Benchmarks festzulegen, an denen die korrekte Abwicklung der Mediation zu messen ist.

Die integrierte Mediation

Es liegt nahe, dass diese gedankliche Matrix nicht auf die Mediation im verfahrensrechtlichen Sinne beschränkt ist. Sicher erleichtert die sogenannte reine Mediation ihre Umsetzung. Das schließt aber nicht aus, dass die mit der Kognitionstheorie beschriebene Art des Denkens auch über andere Prozess gelegt werden kann. Virtuell betrachtet finden sich Elemente auch außerhalb der Mediation wieder. Wenn es gelingt, die der Matrix zuzuordnen, werden Verfahrens- oder Prozesskombinationen möglich, die in der Summe eine Mediation abbilden oder in eine förmliche Mediation führen. Die Mediation im rechtlichen Sinn ist dann, wie jedes andere Verfahren auch lediglich ein Container, der darüber entscheidet welche Methoden und Kompetenzen und Gedankenschritte und Erkenntnisse erhoben und eingebunden werden können oder nicht. Die Containertheorie erlaubt es auch, wie in einem Containerhafen verschiedene Container zu stapeln (miteinander zu verbinden) oder umzufüllen. Jetzt erlaubt die Matrix sogar eine Meta-Perspektive über die Verfahren selbst.

Es wird deutlich, dass die Integrierte Mediation nichts anderes ist als Mediation im kognitiven Verständnis. Konsequent beschreibt der Verband Integrierte Mediation die Mediation deshalb in erster Linie als eine Art des Denkens, das in seiner Anwendung eine Mediation (als Dienstleistung) ergibt oder in eine Mediation hineinführt. Wer versteht, dass die Mediation ein alle Lösungen umfassendes, die volle Komplexität der Fragestellung aufgreifendes, verstehensbasiertes  Vorgehen ist, das keinen Anlass zum Streiten gibt, erkennt, dass diese Art des Denkens nicht nur einen Markt sondern auch die Streitkultur einer Gesellschaft verändert.

Photo by Clker-Free-Vector-Images (Pixabay)

About the Author:

Mediator*** Studium der Psychologie (Vordiplom) und Jura (2. Staatsexamen). ehem. Wirtschaftsstaatsanwalt und Richter, heute international beratend und lehrend tätig als Streit- (Verstehens-)vermittler, Dozent und Autor (zB “Mediation (un)geregelt”).

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  1. […] wenn die Mediation nicht als ein Verfahren im juristischen Sinn, sondern als ein nutzenorientierter Erkenntnisprozess verstanden wird. Dann ergibt sich eine gedankliche Matrix, die sich natürlich in der Mediation […]

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