Die verschiedenen Modelle der Mediation 2016-12-15T17:40:11+00:00

Wenn von der Mediation die Rede ist, wird diese oft undifferenziert als das bessere, billigere und nachhaltigere Verfahren beschrieben. Bei genauer Betrachtung erweist sich diese Aussage als ungenau und in ihrer Absolutheit sogar als falsch. Eine Differenzierung der verschiedenen Modelle der Mediation ist deshalb angebracht; nicht nur bei der Anwendung der Mediation, sondern auch bei der Diskussion um die Implementierung der Mediation in die Streitsysteme.

Mediation ist noch lange nicht gleich Mediation.

Der Zugang zu den unterschiedlichen Modellen der Mediation lässt sich am Besten nachvollziehen, wenn die Mediation in einem Kontinuum der Konfliktbeilegungsverfahren zugeordnet wird. Die Eckpunkte dieses Kontinuums werden aus dem Spannungsfeld zwischen der Position und den Interessen einerseits und zwischen der sach- und konfliktbasierten Herangehensweise andererseits gebildet.

Das Grundmodell der Mediation, wie es Anfang des letzten Jahrhunderts in Amerika aufgekommen war, ist die so genannte facilitative Mediation. Sie kann als der Ursprung der Mediation bezeichnet werden.

Die facilitative Mediation

(fazilitativ = vereinfachen, erleichtern) Der Mediator strukturiert einen Prozess um die Parteien dabei zu unterstützen, ein wechselseitig akzeptiertes Ergebnis zu erzielen. Der Mediator befragt die Parteien, wertschätzt und normalisiert, stellt unterschiedliche Sichtweisen heraus und sucht nach den Interessen hinter den Positionen, um darauf basierte Lösungsoptionen zu erarbeiten. Der Mediator macht keine Vorschläge und gibt auch keine Empfehlungen ab. Die Parteien sollen das Ergebnis auf der Basis von Information (Informiertheit) und Verständnis erwirken. Je weiter sich die Ausarbeitung der interessenorientierten Vorschläge von den Positionen entfernt, desto mehr nähert sich diese Form der Mediation der transformativen Mediation an. Die facilitative Mediation eignet sich für Konflikte auf der sachlich-intellektuellen Konfliktdimension

[2].

Nachdem die Juristen die Mediation für sich entdeckten, haben sie ihre lösungsorientierte und problembezogene Denkweise in das Verfahren eingebracht. Daraus entstanden war die sogenannte evaluative Mediation. Sie entspricht dem juristischen Procedere am Meisten.

Die evaluative Mediation

(evaluative = wertend, bewertend) Diese Form der Mediation verstärkt die Einflussnahme des Mediators. Sie korrespondiert mit einem gerichtsanhängigen Prozess und nimmt dessen Ergebnis vorweg. Der Mediator unterstützt die Parteien, indem er die Schwachpunkte ihres Falles (ihrer juristischen Argumentation) herausarbeitet. Er mag formale Empfehlungen hinsichtlich des (juristischen) Ergebnisses (Fallausgang) machen. Er orientiert sich eher an der rechtlichen Lage als an den Interessen und Bedürfnissen der Parteien. Methodisch wendet er das Caucus oder die Shuttle diplomacy an. Der evaluative Mediator ist meist selbst ein Jurist. Die evaluative Mediation kann sich in zwei unterschiedliche Richtungen bewegen. Sie kann sich eher an den Positionen oder eher an den Interessen ausrichten. Im letzten Fall geht sie, je nachdem wie stark die Emotionen einbezogen werden, in eine facilitative oder transformative Mediation über.

Nicht nur die Juristen, sondern auch die Psychologen haben die Mediation für sich entdeckt. Sie kannten die Gesprächstechniken der Mediation bereits. Immerhin hat die Mediation diese aus der Psychologie entlehnt. Was sie nicht kannten war der strukturierte Aufbau und der sich daraus ergebende verfahrensbezogene Kontext, in dem die Gesprächs- und Interventionstechniken zur Anwendung kommen. Mit den Psychologen entwickelt sich die Mediation von einer bloßen Interessenerhellung zu einer echten Konfliktarbeit. Hier steht das Konflikterleben der Parteien im Vordergrund. Mit der Arbeit am Konflikt sollen die Parteien in die Lage versetzt werden, ihre Erkenntniswelt dergestalt umzuformen, dass ihnen eine Neugestaltung der streitbefangenen Lebensverhältnisse möglich wird.

Die transformative Mediation

(transformative = umformend, umgestaltend) Die transformative Mediation setzt auf die Fähigkeiten der Parteien. Sie versucht diese zu verstärken und nutzbar zu machen. Sie ermöglicht die Anerkennung der hinter dem Streit verborgenen Bedürfnisse. Um dies zu erreichen, lässt sie sich auf die Wahrnehmungswelt der Parteien ein und versucht, diese durch eine kontextsensitive Relativierung zu verändern. Das Lösungspotenzial besteht darin, die Beziehung der Parteien im Laufe der Mediation zu verbessern. Die transformative Mediation eignet sich besonders für die Bearbeitung von Konflikten der sozio-emotionalen und der wertmäßig-kulturellen Dimension[3].

Auch die Pädagogen sind auf die Mediation aufmerksam geworden. Für sie steht der erzieherische Aspekt der  Mediation im Vordergrund. Wenn der Konflikt als ein Ausdruck von Abhängigkeit verstanden wird, erfahren die Parteien im Laufe der Mediation, wie sie sich aus dieser Abhängigkeit befreien können. Pädagogisch lässt sich dieser Veränderungsprozess nicht nur als Erkenntnisgewinn, sondern auch als ein Lernprozess begreifen. Methodisch wird dieser Lernprozess beispielsweise in der so genannten narrativen Mediation verwirklicht.

Die narrative Mediation

(narrative = erzählend, erzählerisch) Diese Variante gibt es seit den 1980ern. Sie wurde in Australien entwickelt und lehnt sich an die narrative family therapy an. Es gibt keine einzige Wahrheit, auf die man sich verständigen muss. Die Sachverhalte sind wie Geschichten, die nicht mehr sind als der Ausdruck einer Sichtweise, die sich der Bewertung durch den Mediator entzieht. Die Persönlichkeiten der Parteien werden über ihre persönlichen Geschichten konstruiert. Der Erkenntnisprozess beim Klienten wird durch die veränderte Sichtweise ermöglicht.

Die facilitative, evaluative, transformative und narrative Mediation sind als Grundformen mediativen Vorgehens zu verstehen. Sie bilden die wichtigsten und charakteristischsten Ausgestaltungen der Mediation. Sie beschreiben ihre Vielfalt und positionieren die Mediation eher als ein entweder sachliches oder als ein eher  konfliktbezogenes Verfahren. Sie positionieren die Mediation als ein Verfahren das entweder eher auf Positionen abstellt als auf Interessen. In der Praxis sind diese Formen fließend und ineinander übergehend. Der professionell tätige Mediator muss deren Unterscheidung kennen und beherrschen. Wie sonst will er den Parteien in Phase eins eine korrekte Kostenkalkulation ermöglichen?

Es versteht sich von selbst, dass die unterschiedlichen Formen der Mediation unterschiedliche Herangehensweisen bedingen und eine unterschiedliche, voneinander abweichende Konflikttiefe erzielen. Eine facilitative Mediation kann auf der Sachebene über den Konflikt hinweg durchgeführt werden. Sie kann tatsächlich schneller und deshalb auch billiger sein als eine konventionelle Form der Konfliktbeilegung. Eine sich auf den Konflikt in seiner Tiefe einlassende transformative Mediation wird einen größeren Aufwand mit mehr Interventionen erfordern. Sie ist deshalb weder schneller, noch billiger. Während eine facilitative Mediation mit einem 3-stundenaufwand zu kalkulieren sein mag, ist die transformative Mediation mit einem 10-stundenaufwand anzusetzen. Unterschiede gibt es auch hinsichtlich der Nachhaltigkeit. Während die facilitative Mediation sicherlich dazu beiträgt den sachlichen Streit ohne eine Restauration beizulegen, erlaubt die  die transformative Mediation eine Veränderung der Lebensbedingungen und der diese prägenden Beziehungen mit einem wieder Instand setzenden Ausgang. Es sollte den Parteien obliegen zu entscheiden, ob sie die eine oder andere Form der Konfliktbeilegung bevorzugen. Der Mediator hat sie jedoch aufzuklären und die verschiedenen Optionen zur Wahl zu stellen. Er ist dies nicht nur den Parteien schuldig, sondern auch der Mediation. Er sollte die sich daraus ergebende Kompetenz deshalb in seinem Angebot entsprechend herausstellen und berücksichtigen. Nur so lassen sich falsche Erwartungen vermeiden und die Wahl des „passenden“ Mediators ermöglichen.

Die Kenntnis der verschiedenen Ausgestaltungen der Mediation ist selbst unter den Mediatoren nicht selbstverständlich. Der Grund dafür sind unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliche Ausbildungsstandards und Dogmatisierungen, die das Erlernen der Mediation zwar vereinfachen aber deren immanente Kompetenz auch verkürzen. Im intrakulturellen Konfliktgeschehen mögen diese Unterscheide zu verdecken sein. Schon die europaweite Sicht macht sie indes sehr deutlich. Man kann davon ausgehen, dass Mediatoren mit einer 40-stündigen Ausbildung, wie z.B. in UK oder mit einer 60-stündigen Ausbildung, wie sie in vielen östlichen Mitgliedstaaten üblich sind, z.B. in Lettland oder Bulgarien, lediglich auf die facilitative Mediation ausgebildet wurden. Ob eine Ausbildung mit 120 oder 200 Stunden dazu führt, dass der Mediator alle Formen der Mediation beherrscht bleibt aber fraglich und abhängig von den jeweiligen Ausbildungsinhalten.

Wenn der Mediator alle Formen der Mediation beherrscht, wird er in der Praxis bemerken, dass die Übergänge fließend sind. Erst in Phase zwei kennt er den genauen Streit der Parteien und erst jetzt kann er seine eingangs aufgestellte Konflikthypothese konkretisieren. Dieses Phänomen ist, wie in „Mediation von hinten“ beschrieben[5], durchaus ein kalkulierter Aspekt der Logik, welche den Ablauf der Mediation bestimmt. Ob und inwieweit sich die Mediation als eher facilitativ, evaluativ oder transformativ gestalten lässt, hängt von äußeren Faktoren, wie dem finanziellen Rahmen und von inneren Faktoren, wie die Bereitschaft der Parteien, den Konflikt in seiner Tiefe anzugehen ab. Praktiker wissen, dass sich diese Bereitschaft im Laufe der Mediation verändert. Die Grenzen und Übergänge sind fließend. Die Mediation ist so aufgebaut, dass sie sich flexibel den Bedürfnissen der Parteien anpassen können.

Mit der Zuordnung der Mediation in das Kontinuum der Streitbeilegung, lassen sich nicht nur die unterschiedlichen Formen der Mediation identifizieren. Das Kontinuum erlaubt auch eine Abgrenzung zu anderen Verfahren, wie z.B. dem Gerichtsverfahren. Den Gegensatz bilden sodann das Gerichtsverfahren als ein eher sachlich und positionsorientiertes Verfahren. Ihm stellt sich die transformative Mediation als ein eher konflikt- und bedürfnisbezogenes Verfahren diametral gegenüber. Als eine Landkarte dargestellt, sieht die Welt der Konfliktbeilegung dann etwa so aus:

 

Die Mediation war angetreten als ein informelles, auf der Kommunikation basierendes Verfahren der Streitbeilegung und der Konfliktbewältigung. Als eine kommunikationsgesteuerte Verhandlung unterliegt die Mediation auch kulturellen Prägungen. Sie bezieht sich auf eine Verhandlungskultur, die sich in jeder Ethnie wiederfindet. Sie ist historisch geprägt, passt sich an die jeweilige Justiz an und bezieht das kulturell geprägte Denken und Handeln mit ein. Oft wird dies übersehen, wenn Mediatoren versuchen, andere Völker und Nationen von der Mediation zu missionieren. Besonders die westlich geprägten Mediatoren sehen die Mediation eher als einen mechanisch ablaufenden Prozess, bei dem die Phasen Schritt für Schritt abzuwickeln sind. Diese Sicht auf Mediation entspricht dem linearen Denken der Kulturen, die ein monochromes Zeitverständnis aufweisen. Bei Kulturen, die durch ein polychromes Zeitverständnis geprägt sind, wird die lineare Logik relativiert. Die Mediation verändert ihr Gesicht. Für einen westlichen Betrachter wirkt sie unstrukturiert. Was in der westlichen Welt getrennt betrachtet wird, führt die östliche Welt zusammen. Das unterschiedliche Denken der Kulturen ist einer der Gründe, warum die östliche Welt das Harvard Konzept als inkompatibles Verhandlungsmodell beschreibt. Trotz aller Unterschiede hat sich der Kern der Mediation als ein weltweit anwendbares Verfahren erwiesen. Ihre Prinzipien gelten, wenn auch mit voneinander abweichenden Ausgestaltungen, universell. Dies gilt zumindest dann, wenn die Mediation weniger als ein Verfahren im juristischen als im psychologischen Verständnis betrachtet wird. Dann beschreibt sie einen Erkenntnisprozess, der sich auf allgemein gültige Prinzipien zurückführen lässt. Diese Sichtweise wird von der integrierten Mediation aufgegriffen.

Integrierte Mediation

Die integrierte Mediation war in Deutschland bereits im Jahre 1996 entstanden, als es darum ging, die Kompetenz der Mediation als solche auch außerhalb der vorgegebenen Verfahrensmechanistik anzuwenden. Die Integrierte Mediation wird fälschlicherweise oft nur als die Anwendung mediativer Techniken außerhalb der Mediation angesehen. Diese Einschätzung greift jedoch zu kurz. Sie wird der integrierten Mediation nicht gerecht. Die Anwendung mediativer Techniken – was das auch immer sein soll – außerhalb der Mediation würde zu nicht mehr führen, als zu einer Verbesserung des Verhandlungsklimas. Wenn ich in einem Krieg nett miteinander spreche, dann mag der Krieg ein netter werden. Es bleibt aber ein Krieg. In dem Verständnis der Integrierten Mediation bedarf es also mehr als nur der Anwendung von Mechanik und Techniken; umso mehr wo die Mediation nicht in den vorgesehenen Bahnen ablaufen kann. Bei genauer Betrachtung bedarf es des gesamten „Werkzeugkoffers“ des Mediators, wenn die Mediation wo und wie auch immer – funktionieren soll. Es bedarf der Strategie, des spezifisch mediativen, präzisen Denkens (um das Wort Haltung zu vermeiden), der Beachtung der Prinzipien und Methodik. Eine der wesentlichen Erkenntnisse der Integrierten Mediation besteht darin, dass der mit der Mediation in genialer Weise beschriebenen Kognitionsprozess nicht nur mechanistisch, sondern auch systemisch abgebildet werden kann. Der Blick wendet sich auf die innere Logik. Sie versucht das jeweilige Verfahren dieser Logik anzupassen. Die Parteien und ihre Problembewältigung stehen im Vordergrund. Das Verfahren ist nur das Mittel zum Zweck, die Toolbox, welche die Parteien auf einem Stück des Weges in die Konfliktbeilegung begleitet. Weil die Integrierte Mediation sich darauf versteht, das Verfahren den Bedürfnissen der Parteien anzupassen (und nicht umgekehrt), wurde sie auch schon als kundennahe Mediation bezeichnet. Die integrierte Mediation geht aber noch weiter. Die für ihre Umsetzung erforderliche Kenntnis des im Hintergrund zu absolvierenden Erkenntnisprozesses lässt sich durchaus auch in anderen Kontexten verwenden. Einzelne Schritte auf dem Erkenntnisprozess werden in anderen Verfahren ebenso vorgehalten. Warum nicht auf diese aufbauen und die fehlenden Elemente ergänzen? Mit dieser elementaren Sicht lässt sich die Mediation bausteinartig zusammenführen. Die Mediation ist dann nicht nur ein Verfahren, sondern ein übergeordnetes Konzept, an dem sich andere Verfahren messen lassen.

So gesehen bildet die Integrierte Mediation eine Klammer, die nicht nur alle Formen der Mediation einschließt sondern auch die Schnittstellen in andere Verfahren, um sie methodisch in einen einheitlichen, übergeordneten Prozess aufgehen zu lassen. Ihre systemische Sicht erlaubt es, alle, auch außerhalb der „reinen“ Mediation verfügbaren Ressourcen einzubeziehen. Die Mediation wird zu einem umfassenden Verhandlungskonzept, auf das sich alle Verfahren beziehen lassen. Ihr erkenntnispsychologischer Schwerpunkt erlaubt es, die unterschiedlichen Denkweisen aufeinander abzustimmen. Das betrifft nicht nur die Denkweise der Disziplinen, bei der – entgegen der Behauptung vieler Mediatoren – das juristische Denken nicht eliminiert sondern einbezogen wird. Die Auseinandersetzung mit den durch die Mediation stimulierten Denkvorgängen erlaubt es auch, den Unterschied zwischen dem westlichen und dem östlichen Modell der Mediation methodisch aufzubereiten. Die integrierte Mediation ist deshalb ein ideales Konzept für die Cross Border Mediation.

Auch wenn die Integrierte Mediation mithin nichts anderes ist als Mediation, ergibt sie – wie die anderen Formen auch – eine unterschiedliche Herangehensweise zur Mediation. Sie ist deshalb als eine Mediation sui generis zu etablieren, welche sich auf die grundlegenden Elemente der Mediation zurückführen lässt und die Klammer zwischen den Verfahren und Denkweisen universell und methodisch präszise abbilden kann. Die integrierte Mediation vermag die jeweils fehlenden Elemente zu lokalisieren, um sie aus dem situativen Kontext herauszufiltern und als Bestandteil des zum Konsens führenden Erkenntnisprozesses ressourcenabhängig vorzuhalten. Das dazu erforderliche, zusätzliche Wissen wurde in den Standards der Integrierten Mediation beschrieben.