Der Artikel von stud. jur. Simon in der ZJS (Zeitschrift für das juristische Studium) Heft 4/ 2015 (download hier) liefert einen recht kritischen und nahezu vollständigen Überblick über das Ausbildungsrecht und die Ausbildungslage zur Mediation, der um nur wenige Anmerkungen und Korrekturen abzurunden ist:

Simon erwähnt ein 2-stufiges Konzept, wobei der Mediator (Stufe 1) vom zertifizierten Mediator (Stufe 2) zu unterscheiden sei. Die Ausbildungserwartung an den Mediator (Stufe 1) ergäbe sich aus den Vorstellungen des Gesetzgebers und orientiere sich an den Ausbildungsempfehlungen. Fakt ist, dass das Gesetz weder eine Stufenzertifizierung noch eine stufige Ausbildung vorsieht. So kann ein Mediator (Stufe 1), der sich nicht zertifizierter Mediator nennt (Stufe 2), weitaus besser ausgebildet sein als der zertifizierte Mediator, der ja nur Mindestanforderungen markieren will. Eine Abstufung ist tatbestandlich ebensowenig vorgesehen wie eine durchaus gewollte Aufstockung.

Wäre es zutreffend, dass auch ein nicht zertifizierter Mediator eine mindestens 90 Stunden umfassende Ausbildung bei dementsprechenden Inhalten nachzuweisen habe, würde das MediationsG seinen Schutz für Kunden von solchen Mediatoren versagen, die eine unvollständige Ausbildung haben. Wie in „Mediation (un)geregelt“ dargelegt, ist die Ausbildung ein erweitertes Tatbestandsmerkmal, das zur Anwendbarkeit des MediationsG führt. Werden an die Ausbildung nicht geregelte Erwartungen geknüpft, ergäbe sich eine große Rechtsunsicherheit bei der Frage der Anwendung des MediationsG.

Simon spricht von einem Konzept des ZMediatAusbV-E. Ein solches Konzept ist weder erwähnt noch wirklich erkennbar – und das aus gutem Grund. Solange davon ausgegangen wird, dass es sogar ein Problem darstellt, 2 Fälle im Jahr zu dokumentieren, lässt sich kaum von einer Berufsausübung sprechen. Demzufolge regelt das MediationsG auch nicht die Berufsausübung, sondern die Ausübung der Mediation. Man beachte den § 1 Abs 2 wo es heisst: Der Mediator ist eine … Person, die die Parteien durch das Verfahren führt“. Das ist eine funktionale Beschreibung und nicht die Definition eines Berufs.

Wenn also von einem Konzept die Rede ist, dann ist es allenfalls das Konzept der Konzeptoffenheit. Ein solches Konzept würde die Wertschätzung über die gesetzgeberische Zurückhaltung verdienen. Das Ministerium mag erkannt haben, dass es noch zu früh ist, ein Gesetz über ein Produkt zu erlassen, das erstens ein informelles Verfahren beschreibt (und deswegen nur bedingt regulierbar ist) und zweitens noch gar nicht hinreichend auf dem Markt etabliert ist, so dass auch noch niemand weiß, wie es sich etablieren wird.

Zutreffend und erfreulich offen wird der Egoismus der Verbände und Kammern angesprochen. Ja, es geht um einen Ausbildungsmarkt und ja, es geht darum, Marktanteile zu sichern. Der Autor hätte noch anführen können, dass die Vorgehensweise der Verbände alles andere als meditativ ist und dass Begriffe wie Qualität synonym für Marktvorteile verwendet werden. Von der Anforderung im ZMediatAusbV-E, dass alle interessierten Verbände und Kammern sich über eine Zertifizierung von Mediatoren einigen, sind wir jedenfalls noch kilometerweit entfernt.

Der Vollständigkeit wegen und im Interesse einer positiven Abgrenzung wäre die integrierte Mediation zu erwähnen. Sie hat bisher als einziger Verband mit der Einführung des in-Mediators als Berufszertifikat die Ausbildung von der Berufsqualifikation entkoppelt, so dass einem ausgebildeten Mediator das Ausbildungszertifikat nicht streitig gemacht wird, falls er den Beruf des Mediators nicht ausübt. Auch kann er anhand der Berufszertifizierung seine Berufstätigkeit demonstrieren, wobei die Anforderungen an eine Berufsausübung definiert sind. Die integrierte Mediation ist bisher auch der einzige Verband, der eine stufenförmige Ausbildung vorsieht, wobei eine Stufe auf der anderen aufsetzt. Die Differenzierung erfolgt nach einem Sterne-Konzept, welches eine allgemeine Anwendung und Kompetenz in Mediation (1 Stern) von einer umfassenden beruflichen Kompetenz  (2 Sterne) bis hin zu einem uneingeschränkt kompetenten Mediator (3 Sterne) unterscheidet. In dieser Logik entspräche der zertifizierte Mediator dem 1 Sterne Mediator. Mithin wird auch deutlich, was von einem zertifizierten Mediator zu erwarten ist, der noch keine Ausbildung in der Bearbeitung spezifischer Konfliktfelder, wie z.B. Familienkonflikte oder innerbetriebliche Konflikte, genossen hat.

Zu recht fordert Simon, dass die Ausbilder und Verbände auf die Marktlage und die Chancen der Vermarktung der Mediation hinweisen sollten. Hier finden Sie den Hinweis im Kapitel Ausbildung und in etlichen Beiträgen zum Thema Vermarktung und Beruf. Übersehen wird die Tatsache, dass Viele eine Mediationsausbildung absolvieren, um ihre soziale Kompetenz zu steigern. Zugegeben, die offizielle Schätzung des statistischen Bundesamtes geht von 7.500 Mediatoren aus. Die Schätzung der Verbände kommt auf Zahlen von über 70.000. Sie errechnen sich allein dadurch dass man die Zahl der Ausbildungsinstitute mit einer durchschnittlichen Absolventenzahl und einer durchschnittlichen Existenzdauer multipliziert. Es macht durchaus Sinn Mediation zu lernen auch wenn man sich nicht vorstellen kann, dass daraus ein Beruf werden könnte. Besonders die integrierte Mediation legt großen Wert darauf, dass die erlernten Komponenten nicht an ein formalisiertes Verfahren gekoppelt bleiben sondern in allen Konfliktlagen abrufbar sind. Somit erwirbt der Absolvent eine Kompetenz, die sich leicht vermarkten lässt und unabhängig von der Nachfrage nach der Mediation als Gerichtsalternative wirken kann.

Was fehlt ist eine Vision für die Mediation.

Und solange sie nicht definiert und abgestimmt ist, erlaubt der Markt die vorzufindende Diversifikation. Sie ist, wenn man so will, ein Teil des Spiels. Sie ist ein Spiegel für die Mediationsverbände, Ausdruck der Unsicherheit und des Dilemmas einerseits für die Verbreitung zu sorgen, andererseits eine Qualität vorzuhalten und endlich einmal zu verstehen, dass die Mediation anders ist. Es macht einen Unterschied, ob es auf die Verbreitung des Verfahrens oder die Verbreitung der Kompetenz oder des Berufes ankommen soll. Das Gesetz jedenfalls geht nicht davon aus, dass die Mediation nur von Berufsmediatoren ausgeübt werden soll.

Tatsächlich gibt es auch einen Trend, dass viele Studenten und Auszubildende der Mediation zwar eine Ausbildung absolviert haben, aber gar nicht die Absicht haben, sich als Mediator niederzulassen. Sie verbreiten dennoch das Know how beispielsweise in Unternehmen, in denen sie beschäftigt sind oder in Behörden und Institutionen und wenden die neu erworbene Kompetenz auch an. Immer häufiger begegnet man dem Modell, dass von dort aus plötzlich eigene Mediatonsabteilungen mit eigenen Ausbildungen geschaffen werden. Wenn diese Art der Verbreitung dazu beiträgt, dass die Welt etwas friedlicher wird, sollten Mediatorenverbände auch nichts dagegen einzuwenden haben.

Photo by geralt (Pixabay)