Balsam für die Seele

Balsam für die Seele war eine der vielen Rückmeldungen, die den Eindruck wiederspiegeln, den die Jahresversammlung des Verbandes Integrierte Mediation am 26.11.2017 auf die Teilnehmer hinterlassen hat. Es war eine Veranstaltung im Geiste der Mediation, die sich durchaus auch kritisch mit Fragen der Mediation auseinandergesetzt hat.

Nicht nur das Ambiente im Diehl’s Hotel war ausschlaggebend für eine rundum gelungene Konferenz. 60 interessierte und engagierte Teilnehmer, Experten und Mitglieder des Mediatorenverbandes aus ganz Deutschland trugen unter der Moderation des Vorsitzenden, Dr. Peter Doetsch, maßgeblich dazu bei, dass diese Veranstaltung als ein weiterer Meilenstein in die Geschichte der integrierten Mediation eingehen kann. Sie beweist, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Es wird aber auch deutlich, dass noch ein langer Weg vor uns liegt.

Das Ergebnis

Auf den Punkt gebracht, bestätigt das Ergebnis der Jahresversammlung am 26.11.2017 die Erkenntnisse, die der Verband Integrierte Mediation schon in vorangegangenen Versammlungen gewonnen hat. Die Mediation muss ein Kulturgut sein, wenn sie sich verbreiten soll. Als Dienstleistung betrachtet, beschreibt sie einen von mehreren möglichen Wegen zur Konfliktbeilegung. Als ein Vorgehen (Prozess), das sich mit dem Denken auseinandersetzt, beschreibt sie ein Konzept das wie eine Matrix die Schritte zum Einvernehmen identifiziert und verfügbar macht. Für uns steht die Kompetenz im Vordergrund. Die Nachfrage ist das, was sich daraus ergibt.

Die Vorträge

Die Experten und deren Vorträge bewegten sich auf einem sehr hohen Niveau. Das hat auch die Teilnehmer beeindruckt. Alle Referenten befassten sich mit der Frage, wie die Mediation wahrgenommen wird und wie sie wahrgenommen werden könnte (sollte).

Peter Wallisch

Peter Wallisch beschrieb eindrücklich seine Erfahrungen als Anwalt in der Schnittstelle zur Mediation. Er wendet selbst Mediation an und konnte auch Erfahrungen mit der Telefonmediation nachweisen. Die Zusammenfassung seines Vortrages mündet in der Formel: “Was drin ist ist nicht immer das was draufsteht“.

Auf die Frage, ob die Mediation überhaupt ein rentables Business sein könne, meinten Teilnehmer in der anschließenden Diskussion, dass sie ihren (Anwalts-)Beruf anders ausüben, wenn sie die Mediation als Kompetenz in ihre Dienstleistung integrieren. Ein Problem seien aber auch die Erwartungen der Parteien. Sie verbinden mit dem Begriff Mediation nicht unbedingt das, was es ist. Eine Teilnehmerin bestätigte, dass die Nachfrage nach der anwaltlichen Dienstleistung durchaus zugenommen habe, seit sie den Titel Mediator führe. Allerdings meinten die Parteien: „Sie sind doch Mediator. Schreiben Sie der Gegenseite doch einmal einen richtigen Brief“. Der “richtige Brief” bedeutet so viel wie: “Zeig der Gegenseite doch mal wo der Hammer hängt”.

Prof. Dr. Frank Dietrich

Professor Frank Dietrich referierte über die Schiedsgerichtsbarkeit. Die Teilnehmer mussten den Sarkasmus heraushören, als der Referent meinte, dass die Schiedsgerichtsbarkeit doch wesentlich naheliegender und besser sei als die Mediation. Zur Begründung führte er an, dass die Verantwortlichkeit der Parteien bei der Schiedsgerichtsbarkeit sich darauf beschränke, sich für das Verfahren zu entscheiden. Er berichtet von Rückmeldungen, wo Parteien darüber klagten, dass die Mediation sowohl in zeitlicher wie in mentaler Hinsicht „wahnsinnig anstrengend“ gewesen sei. Die Schiedsgerichtsbarkeit hingegen würde die Verantwortung auf den Schiedsrichter delegieren. Es gäbe nur eine Instanz und somit einen schnell zu erzielenden, vollstreckbaren Titel. Das sei den Parteien wichtig.

Tatsächlich hätten die Parteien aber auch ein extremes Risiko. Sie seien dem Schiedsrichter ausgeliefert und hätten keine (kaum eine) Möglichkeit, gegen eine Fehlentscheidung vorzugehen. Aus diesem Grunde würden die Schiedsgerichtsverfahren für die Parteien ein starkes Argument darstellen, die Verfahren mit einem Vergleich abzuschließen. Der Vergleich soll das Risiko eines Schiedsurteils vermeiden.

Der Vortrag wurde mit statistischen Zahlen unterlegt. Sie beweisen, dass die Schiedsgerichtsbarkeit auch nur eine eher untergeordnete Rolle spielt, die Nachfrage danach aber im Vergleich zunehme.

Frank Jansen

Frank Jansen berichtete über Erfahrungen mit Mobbingfällen. Er stellte das Freiburger Konfliktradmodell als ein erfolgreiches Projekt vor, das zumindest zu einem Rückgang von 20 % der gerichtlichen Auseinandersetzungen geführt habe. Das Modell beschreibe eine systemische Sicht auf die Konfliktbeilegung, wobei die Auseinandersetzung mit dem Konflikt in drei Stufen erfolge. Sie beginnen mit Beratung und Konfliktlösungsgesprächen und orientieren sich an dem Konfliktrat als die zentrale Stelle, die als Ansprechpartner und Steuerungsinstanz für die Konfliktbeilegung heranzuziehen sei.

Roland Zarges

Roland Zarges berichtete über die Konfliktbeilegung bei Personenschäden. Er wies die Systemik nach, wo neben der geschädigten Person verschiedene Versicherungen und Akteure in die Konfliktbeilegung hineingezogen würden. Markant sei, dass alle Akteure eigene Interessen verfolgten und nicht nur für oder gegen den Geschädigten agieren, sondern auch gegeneinander. Die Familie letztlich, die einen erheblichen, heilsamen Einfluss auf die Person des Geschädigten nehmen könnte und ebenfalls konfliktbetroffen sei, bleibe bei der konventionellen Art der Streitabwicklung außen vor.

Roland Zages plädiert für ein Konzept der institutionell integrierten Mediation, wo das Zusammenspiel der Konfliktbeteiligten und Akteure koordiniert und auf gleichgerichtete Interessen ausgerichtet werde, sodass die Selbstheilungskräfte des Geschädigten und seiner familiären Unterstützung maximal gefördert werden könnten. Auf einen zweiten Blick wirke sich diese Vorgehensweise auch auf die Interessen der Berater und Versicherer aus. Denn je mehr der Geschädigte unterstützt werde, umso günstiger würden die Maßnahmen zur Rehabilitation.

Prof. Dr. Gräfin von Schlieffen

Der Vortrag von Frau Professor Gräfin von Schlieffen befasste sich mit den Ursprüngen der Mediation. Wenn die Mediation wie ein kleines noch im Wachstum befindliches Bäumchen gesehen werde, zeigten sich (mindestens) fünf tragende Wurzeln, die das Wachstum des Baumes garantieren.

Die fünf Wurzeln seien die Geschichte, die Praxis, die Lehre, das Recht und die Philosophie. Die Mediation setze hier zumindest auf die abendländische Philosophie auf, bei der sich ein Streit meist in einer dialektischen Ontologie präsentiere. Sie führe zu einem Sein oder Nichtsein, einem Entweder-oder, bzw. einem Angriff und Verteidigungsdenken. Die Philosophie habe sich damit beschäftigt, wie sich der Widerspruch in einer Balance auflösen lässt. Die Ethik der tugendhaften Haltung spiele dabei eine wesentliche, kulturell gewachsene Rolle. Sie münde im Begriff der Gerechtigkeit. Der Mensch empfindet als gerecht, wenn er die Mitte findet, die jedem die Möglichkeit gibt, sich angemessen zu verhalten. Die Mediation zeige nicht nur den Weg dorthin. Sie knüpfe auch an Traditionen an, auf die wir uns zurückbesinnen sollten.

Dr. Carmen Poszich-Buscher

Carmen Poszich-Buscher zeigte eindrucksvoll, wie Konflikte das Denken des Menschen beeinflussen und sogar lähmen könnten. Sie bat die Teilnehmer, im Stillen für sich jeweils 3 Begriffe zu assoziieren, die mit ihrem Konflikterleben verbunden seien. Die anschließende Frage, wer positive Assoziationen gefunden habe, wurde nur von einem der 60 Teilnehmer bestätigt.

Carmen Poszich-Buscher wies darauf hin, dass das Denken im Konflikt ähnlich trainiert werde, wie körperliche Reaktionen und Verhaltensmuster. Das limbische System übernähme die Kontrolle. Das Gehirn geriete in einen Ausnahmezustand, der sich verhindern ließe, indem sich das meditative Denken etabliert.

Wieder stellt sich eine Verbindung zur Philosophie der Integrierten Mediation her.

Signal zum Umdenken

Der Titel der Veranstaltung, der auf die Notwendigkeit zum Umdenkens hinweist, wird in allen Vorträgen bestätigt.

Der Verband Integrierte Mediation plädiert seit seinem Bestehen dafür, die Mediationskompetenz als eine Art des Denkens zu verstehen. Hier sehen wir auch einen politischen Anknüpfungspunkt. Das Verständnis von Mediation und der mit ihr beschriebenen Art des Denkens ist nicht nur für die Nachfrage der Mediation eine Notwendigkeit. Es zeigt sich auch, dass sich die Rechtsprechung mit diesem Denken auseinandersetzen muss, um Urteile wie das des BGH vom 21.9.2017 zu vermeiden. Auch der Gesetzgeber muss sich an dem Wesen der Mediation orientieren. Wenn seine Vorschriften das Wesen der Mediation ignorieren, regeln sie etwas anderes als Mediation.

Ohne eine Veränderung des Denkens entwickelt sich die Mediation in die von Moti Mironi beschriebe  Richtung. Sie entspricht der Ausgangsbeobachtung von Peter Wallisch: “Was drauf ist ist nicht unbedingt das was drin ist”. Die Mediation wird zunehmend als Synonym für Kompromisse und Vergleiche verstanden, nicht aber für das, was ihre Kompetenz wirklich ausmacht.

Aufklärung statt Werbung ist der Weg, den Politiker, Verbände und jeder Mediator gehen müssen, um die ein korrektes Bild von der Mediation zu vermitteln. Wiki to Yes wurde als ein markanter Schritt in diese Richtung herausgestellt. Die Bemühungen zur Akkreditierung der Ausbilder und der zertifizierten Mediatoren wird nicht als zielführend eingeschätzt, solange sie nicht die Gesellschaft und die Mediationslandschaft insgesamt im Blick hat.

Es ist notwendig, die Streitkultur zu verbessern und ein Fundament zu schaffen, auf dem sich die Mediation als erstrebenswerte Haltung entwickeln kann. Die Kognitionstheorie beschreibt, wie das möglich ist. Die Auseinandersetzung mit der Qualität der Mediation im gesamten Mediationsradius ist ein Thema, mit dem sich die Integrierte Mediation bisher wohl als einziger Verband auseinandergesetzt hat (Siehe die Ausführungen zur Qualität und die Benschmarks). Es wurde die Forderung nach einer Ausbildung laut, die sich nicht nur auf einzelne Verfahren, sondern auf die Systemik der Konfliktbeilegung erstreckt und alle Verfahren einbezieht.

Eines wurde deutlich:

Die Teilnehmer der Veranstaltung haben die Notwendigkeit zum Umdenken erkannt und damit bereits begonnen. Am Ende der Veranstaltung gab es natürlich auch Vereinsrelevante Abstimmungen und Ergebnisse, über die separat berichtet wird.

By | 2017-11-27T19:24:32+00:00 November 27th, 2017|Chronik, Integrierte Mediation, Kongresse, Leitartikel|0 Comments

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Studium der Psychologie (Vordiplom) und Jura (2. Staatsexamen). ehem. Wirtschaftsstaatsanwalt und Richter, heute international beratend und lehrend tätig als Streit- (Verstehens-)vermittler, Dozent und Autor (zB “Mediation (un)geregelt”).

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